
| Das
Blut Der Versöhnung di Barry Fischer, C.PP.S. |
| Versöhnung
In Charisma Und Spiritualität Des C.PP.S. di Robert Schreiter, C.PP.S. |
| Geschichten
Der Versöhnung di Alan Hartway, C.PP.S. |
| Versöhnung
Und Soziale Gerechtigkeit di Gennaro Cespites, C.PP.S. |
| Versöhnung
In Einer Pfarre di Antonio Baus, C.PP.S. |
|
Das
Entstehen Einer Gemeinschaft Der Versöhnung |
Das
Blut Der Versöhnung
Barry Fischer, C.PP.S.
1985 feierte die chilenische Kirche das "Jahr der Versöhnung"
zur Heilung vieler noch offener und schmerzender Wunden nach Jahren der politischen
und sozialen Unruhen. Damals war ich Direktor der Hl. Kaspar Schule und Mitglied
im Koordinationsteam der Erzdiözese für die Katholischen Schulen der
Erzdiözese. Ich wurde eingeladen ins Koordinationskomittee bei der Vorbereitungen
der jährlichen Aktivitäten mitzuarbeiten. Im Besonderen erinnere ich
mich an eine Arbeitssitzung, in der der Generalvikar mich ansah und sagte: "Barry,
Sie sind ein Missionar des kostbaren Blutes, Sie können uns helfen zu verstehen
was Versöhnung heißt!" Es war bald klar, daß wir hier
über ein Konzept sprachen, das nicht leicht zu verstehen ist und sicher
sehr schwer zu erreichen ist. Die Versöhnung ist eines der Themen der kirchlichen
Mission, die in der heutigen Welt immer mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen.
Das Blut das Christus vergossen hat, um alles in seiner Person zu versöhnen
( siehe Kol 1, 19-20) liegt der Spiritualität des Blutes zugrunde.
Was heißt Versöhnung? Ich bemühe mich immer noch um eine Definition von Versöhnung. Es sind zu viele falsche Sichtweisen darüber in vogue. Oft ist es so, daß Menschen, die lange Zeit unter sozialen Unruhen und Gewalt gelitten haben, in ihrer Verzweiflung fordern, den Frieden durchzusetzen. So versuchen sie, für sich selbst wieder Sicherheit zu erlangen. Aber kann der wahre Frieden einfach auf der physischen Eliminierung von Gegnern und Missetätern aufgebaut werden? Ist die Versöhnung die Christus durch sein Blut erreicht hat ein Frieden der Friedhöfe? Heißt Versöhnung "Vergessen" und freisprechen der Unterdrücker von allen ihren Verbrechen gegen die Menschheit durch weitreichende Amnestien? Ist Frieden gleichzusetzen mit der Unterzeichnung eines Waffenstillstands zwischen den Kriegsparteien oder den verfeindeten Stämmen, was vielleicht die feindlichen Handlungen beendet, aber nichts dazu beiträgt, die Hintergründe der Ungerechtigkeit, die oft zum Ausbrechen solcher Konflikte führen, zu klären. Was heißt dann aber Versöhnung?
Vielleicht ist einer der besten Wege Versöhnung und ihre Dynamik so zu verstehen: Menschen und Dinge ins richtige Verhältnis zu rücken.
Die Sünde - ob nun persönlich, sozial oder institutionalisiert - hat die Menschheit durcheinandergebracht, die Beziehungen die Gott für diese Welt erdacht hat verschoben, behindert oder oft zerstört. Wir können also Versöhnung auf verschiedenen Ebenen betrachten:
· persönlich,
unsere eigene Beziehung zu Gott wiederfinden;
· gemeinschaftlich, in unsere Beziehungen miteinander zurückzufinden;
· sozial, die Entwicklung der Beziehungen zwischen Völkern, Rassen
und Gesellschaften;
· umweltbezogen, das Zurückkehren zu einer respektvollen und persönlichen
Beziehung zu unserer Mutter Erde.
Oder wie es in den Briefen an die Epheser steht:"Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Jesus Christus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riß durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder."(Eph 2, 13-14)
Das Symbol des Kreuzes selbst spricht zu uns in graphischer Form von dieser Versöhnung. Der vertikale Balken des Kreuzes erhebt sich vom Boden in den Himmel, er zeigt, daß die Menschen wieder mit dem Vater und den Söhnen und Töchtern in einer Beziehung stehen. Der horizontale Balken, der die ausgestreckten Arme Christi trägt, spricht über eine versöhnte Menschheit, in der wir mit anderen eins werden, uns als Brüder und Schwestern erkennen, Kinder desselben Vaters. Die ursprüngliche Harmonie zwischen Gott und den Menschen und zwischen allen Völkern wird so durch Christus, der durch das Blut des Kreuzes Frieden schuf, wiederhergestellt. (Kol, 1, 19-20). Unsere Beziehungen sind wiederhergestellt worden.
Versöhnung in der Wahrheit
Wir können nur dann Frieden geben, wenn wir für uns selbst den tiefen Frieden und die Versöhnung im Blut Christi gefunden haben.
Ein wichtiger Teil des persönlichen Versöhnungsprozesses liegt darin, die Wahrheit über uns selbst zu akzeptieren. Und die Wahrheit ist: "Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung (zur Verkündigung) anvertraute." (2 Kor 5, 19).
Viele von uns sind
in die Falle des Teufels getappt. Wir haben seine Lügen als Wahrheiten
akzeptiert. Wir glauben, wie der Großteil der Menschheit heutzutage, daß
die Wahrheit unserer Identität im Erfolg oder in der Popularität liegt.
Dieser Wettbewerb bringt soviel Leid und Ungerechtigkeit in unsere Welt. Er
kann sich auch in unsere Herzen einschleichen und sie vergiften, wie er auch
die Beziehungen im religiösen Leben vergiften kann. Jesus ist gekommen,
um die Lüge zu demaskieren! Jesus lehrt uns, daß die Wahrheit über
unsere Identität nicht in einem dieser Werte liegt, sondern in Gottes unbegrenzter
Liebe zu uns zu finden ist.
Papst Johannes Paul II hat über dieses Thema vor einigen Jahren anläßlich
eines Besuchs in Brasilien folgendes gesagt: "Das kostbare Blut Christi
bringt uns die größte Freude von allen: die Gewißheit, daß
Gott uns liebt!" Diese Wahrheit bringt uns wahrhaftig große Freude
und Frieden! Jeder von uns muß diese erstaunliche Wahrheit akzeptieren,
bevor er hinausgehen kann und den Menschen Zeugnis von Gottes Liebe und Versöhnung
ablegen kann: "Ihr wißt, daß ihr aus eurer sinnlosen, von den
Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft
wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des
Lammes ohne Fehl und Makel." (1Petr 1, 18-19).
Wir sind Töchter und Söhne Gottes, wir sind von königlichem Blute. Wir sollten uns nicht mit einer anderen Lebensweise zufrieden geben. Das hat uns Jesus gelehrt. Das verkündet uns Jesus: die Wahrheit unseres Menschseins! Er kam um etwas Neues zu schaffen und er ruft mich und dich, um diese neue Welt in seinem Geiste zu schaffen. Jesus kam, um uns in der Wahrheit zu versöhnen.
Gesandte der Versöhnung
Wenn wir diese
Wahrheit einmal erkannt und akzeptiert haben, dann können wir auf den Ruf
hören und Gesandte der Versöhnung werden. "Wir sind also Gesandte
an Christi Statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi
Statt: Laßt euch mit Gott versöhnen!" Es ist der "Ruf des
Blutes" der jeden von uns ereilt, wie auch immer unsere Sendung oder unser
Alter. Alle sind wir dazu berufen, Gesandte der Versöhnung zu sein, diejenigen
die aktive Apostolate ausüben, wie auch diejenigen, die durch Gesundheit,
Alter oder andere Verantwortungen ans Haus gebunden sind. Wir gehören einer
gebrochenen Menschheit an, die Heilung braucht. Wir sind dazu berufen und werden
ausgeschickt, jedem einzelnen Menschen, dem wir begegnen, die Liebe Jesus Christus'
zu vermitteln, der alle Völker durch sein Blut wiederhergestellt hat. Besondere
Aufmerksamkeit muß jenen geschenkt werden, die Gott als "Privilegierte"
auserwählt hat: jenen, die die Gesellschaft ausgrenzt, die durch Vorurteile,
Eifersuch und Haß an ihren Rand gedrängt werden.
Wir brauchen keine ausgearbeiteten Programme, um diese Sendung der Versöhnung
auszuüben. Jeder von uns kann das tun, wenn er sein Herz einsetzt. Jeder
einzelne von uns kann einfach durch sein Verhalten, durch seine Gesten die Wahrheit
des Psalms 72, 12-14 verkünden: "Denn er rettet den Gebeugten, der
um Hilfe schreit, den Armen und den, der keinen Helfer hat. Er erbarmt sich
des Gebeugten und Schwachen, er rettet das Leben des Armen. Von Unterdrückung
und Gewalttat befreit er sie, ihr Blut ist in seinen Augen kostbar."
In dieser Ausgabe des Kelchs zeigen uns zahlreiche Missionare verschiedene Sichtweisen
der Versöhnung. P. Robert Schreiter beleuchtet die Versöhung im Zusammenhang
mit unserem Charisma und unserer Spiritualität. P. Alan Hartway erzählt
uns verschiedene Episoden zur Versöhnung aus seiner Erfahrung als Pfarrer
in Garden City, Kansas, USA. Diese Geschichten aus dem täglichen Leben
in der Gemeinde in einem multikulturellen Kontext, werden uns sicher die vielen
verschiedene Wege bewußt machen, auf denen wir in unserem täglichen
Werk Gesandte der Versöhnung sein sollen.
Don Gennaro Cespites schreibt über die Versöhnung und die soziale
Gerechtigkeit im Leben und Werk unseres Gründers, dem Hl. Kaspar. Er führt
aus, daß Kaspar nicht nur die soziale Thematik seiner Zeit ansprach, sondern
auch erkannte, daß die Hintergründe der sozialen Ungerechtigkeit
moralischer Natur sind und die endgültige Lösung in der Umwandlung
des Herzens liegt.
P. Antonio Baus spricht berührend über seine Erfahrungen in einer
großen städtischen Gemeinde in Santiago, Chile. Diese Gemeinde hat
sowohl soziale als auch interne Konflikte erlebt. Die Versöhnung hat ihn
und seine pastorale Gemeinschaft dazu geführt, durch die Spiritualität
des Blutes die Wahrheit ihrer Situation zu erkennen.
Und schließlich berichtet Don Rosario Pacillo von der St. Philip Neri
Pfarre in Putignano Italien, über die Erfahrung seiner Gemeinde, die die
Rehabilitation drogenabhängiger Jugendlicher ins Zentrum der pastoralen
Aktivitäten setzt. Die ganze Gemeinde ist auf irgendeine Weise daran beteiligt,
diesen jungen Menschen zu helfen, mit sich selbst und mit Gott, mit der Kirche
und der Gesellschaft eine Versöhnung zu erlangen. Dies ist ein herausragendes
Beispiel dafür, wie man unserer Mission innerhalb einer Gemeinschaft kreativ
Rechnung tragen kann.
Diese Reflexionen lassen bei all ihrer Tiefgründigkeit, die Möglichkeiten
in der komplexen und herausfordernden Arbeit der Versöhnung nur anklingen.
Hoffentlich werden sie unsere Phantasie und unsere Kreativität in unserem
täglichen Werk anregen, und uns so zu noch bewußteren Gesandten der
Versöhung machen, motiviert durch die Spiritualität des Kostbaren
Blutes.
Versöhnung
In Charisma Und Spiritualität Des C.PP.S.
Robert
Schreiter, C.PP.S.
Versöhnung in unserer heutigen Welt
Heute, am Ende
des 20. Jahrhunderts, erlangt das Thema Versöhnung immer größere
Bedeutung. Hilfsorganisationen haben festgestellt, daß seit dem Ende des
Kalten Krieges die Anzahl von Katastrophen, bei denen sie eingreifen müssen,
um das fünffache gestiegen ist. Vor Mitte der 80er Jahre stellten Naturkatastrophen
den Großteil der Notfälle, mit denen sie konfrontiert waren, heute
sind sie meist menschlichen Ursprungs: ethnische Konflikte und Kriege. Die Caritas
Internationalis, die Dachorganisation der Hilfsorganisationen der Katholischen
Kirche, hat die Versöhnung zum zentralen Thema des laufenden Vierjahreszyklus
ernannt.
Viele Länder haben das Ende von Diktaturen, Bürgerkrieg und Terror
erlebt. Allein innerhalb des C.PP.S. denken wir hier besonders an Chile, Peru,
Guatemala, Kroatien und Polen. In Indien besteht eine konstante Bedrohung durch
innere Konflikte. Die Gewalt gegen die einheimische Bevölkerung schreitet
in Brasilien weiter fort. Das Zerbrechen vieler Gesellschaften und die sozialen
Konflikte aus den ethnischen Spannungen in Europa und Nordamerika machen es
nötig, Wege zur Zusammenarbeit zu finden und alte Resentiments abzuschaffen.
Papst Johannes Paul II hat die Versöhnung in seiner Ansprache zum Weltfriedenstag
1997 zum Hauptthema gemacht und sie als Schlüssel zur tieferen Evangelisierung
interpretiert.
Alle diese Situationen stehen für den "Ruf des Blutes" in unserer
heutigen Zeit. Als Missionare des Blutes Christi müssen wir besonders darauf
eingehen, wie unser Charisma und unsere Spiritualität diesen Situationen,
die nach Versöhnung rufen, begegnen können.
Versöhnung in der Bibel
Zum Verständnis
was unser Charisma und unsere Spiritualität zur Versöhnung in der
heutigen Welt beitragen können, ist es zunächst wichtig die Bibellehre
zum Thema Versöhnung kurz zusammenzufassen.
Der Terminus selbst wird in der Bibel insgesamt nur 14 Mal erwähnt, dann
finden wir ihn auch in den Briefen des Paulus. Es existieren natürlich
viele biblische Erzählungen zum Thema Versöhnung in beiden Testamenten,
wie zum Beispiel die Geschichte von Joseph und seinen Brüdern (Gen 45,
4-6) oder das Gleichnis vom verlorenen Sohn (Luk 15, 11-32). Die Lehre läßt
sich in fünf Punkten zusammenfassen:
· Erstens
ist die Versöhnung immer ein Werk Gottes, der sein Werk in Christus beginnnt
und vollendet. Wie viele der in dieser Ausgabe des Kelchs veröffentlichten
Artikel zeigen, können wir Gottes Werk nur im Akt der Versöhnung erleben.
· Zweitens, da die Versöhnung ein Werk Gottes ist, sind wir nichts
anderes als "Gesandte an Christi Statt"(2 Kor 5, 20). Das Werk der
Versöhnung ist für uns mehr eine spirituelle Handlung als eine strategische.
Unsere Hoffnung ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Gott arbeiten kann.
· Die Erfahrung der Versöhnung macht aus beiden, dem Opfer und dem
Schuldigen eine neue Schöpfung (2 Kor 5, 17). Der Hausverstand sagt uns,
daß Versöhnung dann möglich ist, wenn der Schuldige Reue zeigt.
Im biblischen Sinne allerdings, beginnt die Versöhnung dann, wenn Gott
das Opfer heilt und das geschädigte Menschsein des Opfers wiederherstellt.
Dieses versöhnte Opfer wird zum Instrument Gottes für eine weiterreichende
Versöhnung. Diese Wiederherstellung und Versöhnung aber ist keine
Rückkehr zum vorherigen Zustand. Das Opfer ist tatsächlich zu einer
neuen Schöpfung geworden, die an neue Orte geführt wird und als Gesandter
der Versöhnung eine neue Mission innehat.
· Viertens, der Versöhnungsprozeß, der die Menschen wiederherstellt,
ist das Leid, der Tod und die Wiederauferstehung Christi. Wir werden durch das
Blut des Kreuzes geheilt (Kol 1, 20). So wie Gott das unschuldige Opfer Jesus
durch die Wiederauferstehung wiederherstellt, so wird Gott uns wiederherstellen.
· Zuletzt zeigt uns diese Interpretation der Versöhnung, wie schwierig
und komplex der Versöhnungsprozeß wirklich ist. Völlige Versöhnung
findet nur dann statt, wenn alle in Christus vereint werden (Kol 1, 20).
Die Versöhnung ist einer der wichtigsten Wege, die uns die Bibel lehrt, wie wir über Gottes Werk in unseren Leben und unserer Welt sprechen können. Heute hat sie besondere Bedeutung erlangt.
Versöhnung und unser Charisma
Unseren Schriften
zufolge ist der zentrale Teil unserer apostolischen Arbeit, hinterlassen vom
Heiligen Kaspar, der Dienst des Wortes. Wir müssen das Wort Gottes sprechen
wann immer es gebraucht wird und so, daß es verstanden wird. So tragen
wir zur Schaffung und Wiederherstellung der Kraft von Gottes Wort bei.
Versöhnung ist grundsätzlich mit dem Sprechen verbunden. Es ist das
Wort der Vergebung, gesprochen im Sakrament der Versöhnung, das unsere
Beziehung zu Gott heilt. Und wie die Geschichten, die P. Hartway und P. Pacillo
in ihren Artikeln erzählen, zeigen, ist das Erzählen dessen, was uns
widerfahren ist, eine Möglichkeit über die Auswirkungen dieser Geschichten
auf unser Leben hinauszugehen. In der Predigt können wir für uns Gottes
Wort erschließen. Aus diesem Grund hielt der Hl. Kaspar den Religionsunterricht
für die Menschen von Sonnino so wichtig, wie das Don Gennaro Cespites in
seinem Artikel erklärt. Das Wort ist das Wort des Lebens, das uns an einen
neuen Ort und zu einer neuen Schöpfung führt.
Da unser Charisma mit der erneuernden Kraft des Wortes verbunden ist, sollte
es in unserer Zeit hauptsächlich ein Dienst der Versöhnung sein. Wie
schon an früherer Stelle erwähnt, arbeiten viele der C.PP.S. Missionare
in Ländern, die aus langen akuten Konfliktsituationen kommen. Andere wiederum
erleben die Zersplitterung einer pluralistischen Gesellschaft und die schnelle
Veränderung der Welt. Das Wort der Versöhnung ist das Wort, das wir
heute brauchen.
Versöhnung und unserer Spiritualität
Wenn die Versöhnung
mehr Spiritualität als Strategie ist, welche Form nimmt sie dann in unserer
Spiritualität an? Die für unsere Spiritualität wichigste Bibelstelle
findet sich in den Epheserbriefen 2, 13: "Jetzt aber seid ihr, die ihr
einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut,
in die Nähe gekommen." Hier werden die Fremden und die Entfremdeten
zusammengebracht. Das Blut des unschuldigen Opfers macht dies möglich.
Ich glaube, Don Beniamino Conti bestand 1992 als erster auf die zentrale Rolle
der Versöhnung in unserer Spiritualität. Seine Worte sind heute sicherlich
in Erfüllung gegangen. Das Blut des Kreuzes ist die Quelle unseres Friedens
(Kol 1, 20; Eph 2, 14) und wenn wir die Liebe Gottes verkünden, die er
uns durch das Vergießen des Blutes Christi offenbart hat, dann sprechen
wir das Wort der Versöhnung. Aber wie sieht ein der Versöhnung gewidmetes
Leben konkret aus? Lassen Sie mich aus den Zeugnissen der Artikel dieser Ausgabe
des Kelches einige Anregungen zusammenfassen.
Es beginnt damit, den Opfern einen Raum der Sicherheit und Gastfreundschaft
zu geben. Wir sollten in unseren Missionshäusern, Pfarren und Schulen Räume
schaffen, in die sie kommen können, um ihre Wunden zu suchen. Nur wenn
solche Räume zur Verfügung stehen, kann der Versöhnungsprozeß
beginnen. Wie Don Rosarios Arktikel in dieser Ausgabe zeigt, bedeutet die Schaffung
eines solchen Raumes nicht nur Veränderung für das Opfer, sondern
auch für die, die Sicherheit und Gastfreundschaft zur Verfügung stellen.
Zweitens erfordert eine Spiritualität der Versöhnung eine geduldige
Begleitung der Opfer. P. Antonio Baus' Geschichte einer Pfarre, die zuers durch
Diktatur und Unterdrückung gehen mußte und dann durch das Doppelleben
ihres Pfarrers zerrüttet wurde, zeigt, wie wichtig -und wie schwierig-
dieser Schritt ist. Oft würden wir uns wünschen, Gott würde schneller
arbeiten, aber Gottes Arbeit, wie uns P. Hartway erinnert, braucht ihre Zeit.
Drittens erfordert die Versöhnung eine Verpflichtung zur Wahrheit. Die
Vergangenheit kann nicht ignoriert oder unterdrückt werden. Oft war es
ein Dickicht von Lügen, das alle mit ihm in Kontakt gekommenen beeinträchtigt
hat. Ungerechtigkeit kann nicht wiedergutgemacht oder legitimiert werden. Schritt
für Schritt müssen wir alle aus dem Schatten des Betrugs und der Illusion
ins helle Licht der Wahrheit treten.
Schließlich bedeutet eine Spiritualität der Versöhnung den Aufbau
von Gemeinschaften der Erinnerung und der Hoffnung. Eine Gemeinschaft der Erinnerung
vergißt ihre Vergangenheit nicht, lebt aber auch nicht länger in
ihrem Schatten. Wir können nie vergessen was uns geschehen ist, wir können
es aber in einem anderen Licht sehen. Die Fähigkeit sich so zu erinnern,
ist die Gnade der Versöhnung. Eine Gemeinschaft der Versöhnung bleibt
nicht an der Vergangenheit hängen, sie schaut hoffnungsvoll voraus in die
Zukunft. Dies tut sie, indem sie versucht Bedingungen zu schaffen, unter denen
die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit keine Wiederholung finden können.
Ich denke, daß eine Spiritualität der Versöhnung die Hauptaufgabe unseres Charismas in dieser Zeit unserer Geschichte ist.
Sie verkündet laut, wie Gott in unserer Welt ans Werk geht, sogar inmitten der zerdrückenden Realität des Bösen, die uns oft umgibt. Als Missionare des Blutes Christi geht der "Ruf des Blutes" heute für uns sicherlich in diese Richtung.
Geschichten
Der Versöhnung
Alan
Hartway, C.PP.S.
Versöhnung
im Gemeinschaftsleben ist normalerweise keine aktive Tätigkeit oder eine
aktiv verfolgte Handlung. Es ist eher eine Einstellung, eine Haltung, ein Offensein
und zur Verfügung stehen. Einige Menschen haben eine besondere Gabe, einen
besonderen Sinn für die Versöhnung. Aus meiner persönlichen Erfahrung
mit der Versöhnung kann ich sagen, daß es keiner großen Worte
bedurfte, keiner Vorschläge oder Ideen meinerseits, es war eher ein Zuhören,
den Geschichten der Leute zuhören und sie mit Würde und Respekt behandeln
und diesen Menschen dann helfen, in den Geschichten Bedeutung, Identität
und Sicherheit zu finden.
In meiner neunjährigen Tätigkeit als Pfarrer in der St. Mary's Pfarre
in Garden City, Kansas, war es für mich sehr lehrreich in viele Geschichten
der Versöhnung eingebunden zu sein. Jede einzelne dieser Geschichten bleibt
für mich eine Erinnerung voll Gnade und Weisheit. In jeder von ihnen erlebe
ich die Liebe, die Gott für diese Menschen, die oft aus unserer Gesellschaft
und Kultur ausgeschlossen sind, hat. Das Charisma der Versöhnung hat viel
mit Gnade und Weisheit gemein. Mitten in jedem Versöhnungsprozeß
wurde mir klar, wie wenig ich weiß und wie viel ich noch lernen muß.
Ich erkannte, wie viel nicht meinem eigenen Handeln entsprang, sondern direkt
von der Macht und der Anwesenheit Gottes, der in unseren Leben wirkt und uns
zu einer Gemeinschaft des Glaubens und der Hoffnung macht, kam.
Ich möchte hier vier Geschichten aus meiner Zeit in Garden City erzählen.
Jede dieser Erzählungen hat eine multikulturelle Komponente, da mir schein,
daß -zumindest in der nordamerikanischen Gesellschaft- hier der größte
Versöhnungsbedarf besteht.
Versöhnung und Beziehungen der Rassen
In den späten
80er Jahren wurde Garden City als Ort für das Studium der Beziehungen zwischen
den Rassen ausgewählt. Garden City ist eine Gemeinde mit etwa 30.000 Einwohnern
und liegt in einem abgelegenen Teil im Westen der USA. Die Hauptindustrie der
Gemeinde ist die Fleischverarbeitung, über 8.000 Rinder werden täglich
geschlachtet. Da es hier eine niedrige Arbeitslosigkeit gab, waren viele Einwohner
anderer Länder verleitet, hierher zu kommen. In unserer Pfarre, einer der
zwei katholischen Pfarren in der Stadt, gab es ein duzend unterschiedliche Sprach-
und Kulturgruppen. Die größte war die der Lateinamerikaner, vor allem
aus Mexiko, aber es schienen fast alle lateinamerikanischen Länder vertreten
zu sein. Die Ford Foundation, die die Studie über die Beziehungen zwischen
den Rassen durchführte, entsandte drei Anthropologen in unsere Gemeinde,
um uns zu studieren. Sie fragten uns, was wir täten, um die Beziehungen
reibungslos zu gestalten, und was passierte, wenn die Spannung zu groß
würde. Unsere Pfarre stellte bei dieser Studie einen der Hauptpunkte dar,
da soviele verschiedene Gruppen hierher pilgern oder in andere Gemeindeaktivitäten
eingebunden sind.
In dieser Zeit wurden föderale Schiedsrichter zur Zusammenarbeit mit der
örtlichen Polizei und der mexikanischen, wie auch der mexikanisch-amerikanischen
Gemeinschaft eingesetzt. Es hatte nach Lokalschluß um 2:00 Uhr früh
zahlreiche Festnahmen von Latino-Amerikanern gegeben. Der Bedarf nach einer
besseren Verständigung zwischen der beherrschenden weißen Kultur,
repräsentiert durch die Polizeikräfte, und den mexikanischen Kulturen
war klar ersichtlich.
Die Idee war, an einem sicheren Ort eine Reihe von Treffen zur Verbesserung
der Kommunikation zwischen den beiden Gruppen abzuhalten. Der Versammlungsraum
der St. Mary's Pfarre wurde als eine der Örtlichkeiten ausgewählt.
An einem Sonntag Nachmittag kamen alle Gruppen zusammen. Die Schiedsrichter
baten alle Anwesenden, ihre Geschichten zu erzählen. Es war, als würde
man die Schleusen eines Staudamms öffnen. Nach etwa einer Stunde begann
der Polizeichef auf seine Armbanduhr zu klopfen, als wäre sie stehengeblieben.
Irene, eine der Älteren der Latino-Gemeinschaft, stand auf und rief aus:
"Das ist das Problem. Unser Zeitgefühl ist anders. Wir kommen aus
zwei unterschiedlichen Kulturen." Der Polizeichef antwortete: "Das
dauert schon über eine Stunde. Wieviele solche Geschichten müssen
wir noch hören?" Irene gab zurück: "Jede einzelne von ihnen!"
Der Polizeichef beklagte sich: "Aber die klingen doch alle gleich!"
Worauf Irene antwortete: "Nein. Jede Geschichte handelt von einer einzelnen
Person. Sie müssen alle gehört werden."
Ich glaube, ich werde diesen Schlagabtausch wohl nie vergessen. Wie weise doch
die ältere Frau aus unserer Gemeinschaft war! In der Versöhnung wird
jede Geschichte gehört und ernstgenommen werden. Jeder einzelne Mensch
wird wissen, daß er wichtig ist. Die restlichen Treffen beschäftigten
sich vorwiegend mit dem Erzählen von Geschichten, dem Lernen anderen Geschichten
zuzuhören, andere Sichtweisen ohne zu urteilen zu akzeptieren und kulturelle
Unterschiede zu erkennen. Meine Rolle als Pfarrer beschränkte sich einfach
auf meine Anwesenheit, eine Anwesenheit die vermittelte, das ist ein sicherer
Ort an dem wir sprechen können, daß das was hier getan wurde, etwas
heiliges und wichtiges war. Die Arbeit der Versöhnung bestand in einem
Zusammenwirken der verschiedenen Gruppen, ihrem Kommen und ihrem gegenseitigen
Zuhören. In gewisser Weise hatte der Polizeichef recht, es ist ein langwieriger
Prozeß, der Geduld erfordert. Aber auch Irene hatte recht, er ist es wert,
die Zeit zu investieren.
Versöhnung braucht Zeit - und die Zeit ist normalerweise Gottes Zeit.
Versöhnung zwischen Familien
Im November 1992
wurde ein Schüler einer höheren Schule in einem tragischen Autounfall
auf dem Heimweg von einer Sportveranstaltung getötet. Der Fahrer war ein
zweiter junger Mann. Es passierte in den frühen Morgenstunden, er übersah
eine Kurve. Der junge Beifahrer, der zur Zeit des Unfalls schlief, wurde beim
Aufprall getötet. Er war sehr beliebt, arbeitete freiwillig als Katechist
für die Volksschüler der Pfarre. Er war der einzige Sohn einer mexikanisch-amerikanischen
Familie, die ebenfalls in die Aktivitäten der Pfarre eingebunden war. Die
Familie hatte auch eine Tochter. Der Tod des Sohnes war für das Ehepaar
ein schrecklicher Verlust, besonders für den Vater. Der Fahrer des Unfallautos
war ein junger Vietnamese, der einzige Adoptivsohn eines amerikanischen, nicht
katholischen Ehepaares.
Einige Wochen nach der Beerdigung, zu der zahlreiche Trauergäste erschienen
waren, kamen die Eltern des Verstorbenen zu mir und fragten mich, ob ich ein
Treffen mit dem Fahrer des Autos und seiner Familie arrangieren könnte.
Beide Familien lebten in einer kleinen Stadt in der Nähe und das Ehepaar
fand ihre jetzige Beziehung und das Schweigen eigenartig. Der Vater gestand
außerdem, auf den jungen Mann der "seinen Sohn getötet hat",
wie er sich ausdrückte, sehr wütend zu sein. Sehr beängstigt
über den möglichen Ausgang eines derartigen Treffens und nach reiflicher
Überlegung, stimmte ich zu, mit ihnen zu arbeiten. Ich hatte einige Treffen
mit dem Ehepaar, das seinen Sohn verloren hatte und eines mit der anderen Familie.
Dann arrangierten wir ein Treffen im Haus der Eltern des Verstorbenen. Es flossen
viele Tränen bei der Erzählung der Geschichte der Unfallnacht, die
immer wieder in allen Details wiederholt wurde. Es war fast wie ein Tanzritual
in Worten, bei dem jeder dasselbe Wort für das schreckliche Ereignis aussprechen
durfte. Alle versuchten diesen schrecklichen Unfall, der ihr aller Leben verändert
hatte, irgendwie zu verstehen und ihm einen Sinn zu geben. Meine Rolle bestand
darin, klärende Fragen zu stellen und die Leute zum Sprechen anzuhalten,
wenn sie ins Schweigen verfielen. Alle brachten ihre Trauer zum Ausdruck, ihre
Traurigkeit und ihre Wut. Plötzlich sagte der Vater des Verstorbenen zu
dem jungen Mann: "Du hast meinen Sohn getötet, meinen einzigen Sohn."
Es war wie die Trauer Davids um Absalom. Der junge Mann antwortete: "Ich
weiß, ich bin dafür verantwortlich, es tut mir leid. Es tut mir leid,
daß sie ihren Sohn nicht mehr haben. Bitte verzeihen sie mir." Daraufhin
erhob sich der Vater und ging auf ihn zu. Ich war beunruhigt, was er jetzt tun
würde. Aber er umarmte den jungen Mann und weinte.
Ich glaube, daß an diesem Tag und in diesem Moment die Heilung begonnen
hat. Ich weiß, das war nur ein kleiner Schritt zur Versöhnung, die
noch viele Jahre dauern wird, aber es war ein Anfang, ein Anfang der durch die
Gnade Gottes zustande kam.
Versöhnung und Gewalt
1990, nach einer
Reihe gewalsamer Todesfälle unter den Gemeindemitgliedern, suchte mich
eine Gruppe von Leuten (unter ihnen auch die Eltern des letzten Opfers) als
ihren Pfarrer auf. Sie wollten etwas gegen die Waffen in ihrer Gemeinschaft
unternehmen. Sie waren der Ansicht, die Kirche sollte zu diesem Thema Stellung
beziehen. So sprachen wir zuerst mit dem lateinamerikanischen Rat der Gemeinde,
dann mit dem Pastoralrat und erarbeiteten einen Plan. Ich würde eine Reihe
von Predigten über die Auswirkungen von Gewalt in unserer Kultur halten.
Diese Predigten würden mit der Aufforderung enden, die Waffen am Altar
abzulegen. Ein weiterer Teil des Plans war der, bei allen Messen am 1. November
eine Erklärung zur Unterschrift aufzulegen. Diese Erklärung würde
während der Spenden vorgestellt werden und folgendermaßen lauten:
"Dieses Weihnachten verpflichte ich mich meinen Kindern nicht-gewalttätige
Geschenke kaufen. Ich verpflichte mich weiters meine Kinder über Jesus,
den "Prinzen des Friedens" zu lehren. Dieser Teil des Plans fand großen
Anklang. Nur wenige reagierten auf den ersten Teil des Plans. Keine Waffen wurden
während der Messe am Altar niedergelegt. Einige Waffen wurden "privat"
ausgehändigt, sie wurden an die Polizei zur Vernichtung weitergegeben.
Aber innerhalb der Gemeinschaft kam eine Diskussion über die Gewalt in
unseren Leben und unser aller Verantwortung, ihr Einhalt zu gebieten in Gang.
Wieder war das wichtigste Ergebnis das Erzählen von Geschichten und die
Erinnerung und der Respekt für die Opfer. Es bedeutete auch, daß
jeder einzelne etwas gegen dieses Problem tun konnte. Während dieser "Kampagne"
wurde ich stark kritisiert. Ich ging auch Risken ein, ich wurde beispielsweise
von einem der örtlichen Mitglieder der National Rifle Association (Nationale
Waffenvereinigung) bedroht und wurde sogar von Mitbrüdern kritisiert. Einer
von ihnen vertraute mir an, daß er selbst immer mit einer Pistole unter
dem Kopfkissen schlafe.
Versöhnung heißt auch, alle Risken, für die wir bereit sind, einzugehen für Dinge die uns wichtig sind.
Versöhnung und andere Religionen
Unter den Arbeitern in den Fleischverarbeitungsbetrieben waren auch fünf junge Moslems aus Afrika. Sie arbeiteten mit den Latinos zusammen und wurden Freunde, sie verbrachten auch ihre Freizeit miteinander. Sie kamen sogar am Sonntag mit ihren Freunden in die Messe. Eines der Gemeindemitglieder kam aus diesem Grund sehr besorgt zu mir, er war der Ansicht, sie sollten nicht in die Messe kommen, da sie keine Christen seien und wollte von mir als Pfarrer wissen, was ich diesbezüglich tun wollte. Ich sagte: "Gib ihnen ein Zeichen des Friedens.". Zwei der jungen Afrikaner traten der Kirche bei, da sie unsere Gastfreundschaft erlebt hatten und bei uns ein Heim gefunden hatten. Manchmal ist das Zusammenbringen von Menschen und die Versöhnung so einfach.
Der Hl. Kaspar und die Versöhnung
In den Tagen des Hl. Kaspar gab es einen tiefen Abgrund zwischen der Kultur der Stadt Rom und der Kultur der Bevölkerung in den Hügeln um Rom. Beide Parteien waren auf ihre Weise sehr gewalttätig. Kaspar gelang es, das Problem genau zu studieren und seine Wurzeln ausfindig zu machen. Er hatte auch dem Mut etwas zu unternehmen. Er hatte die Fähigkeit aus seinem kulturellen Hintergrund herauszutreten, sich in eine andere Kultur mit Verständnis und Mitgefühl hineinzuversetzen. Er konnte ihren Geschichten mit Respekt und Würde zuhören. Er konnte sie auffordern zu neuen Schöpfungen zu werden, er gab ihnen Hoffnung und Gastfreundschaft, einen Ort an dem die Welt eine neue Gestalt annehmen konnte.
Es scheint das ist das Charisma des Kostbaren Blutes. Wir lesen die Zeichen unserer Zeit, wissen was getan werden kann, stellen uns unserer Aufgabe und involvieren auch andere, haben den Mut uns dem Risiko auszusetzen, sind da und nehmen Anteil.
Was den Rest betrifft so wissen wir, daß die Versöhnung eine Gnade Gottes ist und uns seine Liebe zu uns offenbart, und genau diese Gnade und Liebe ist es, die uns zur Versöhnung berufen hat.
Versöhnung
Und Soziale Gerechtigkeit
Gennaro
Cespites, C.PP.S.
Wenn wir über
Versöhnung und soziale Gerechtigkeit sprechen, besonders im Bezug auf die
Zeit Hl. Kaspars und des ehrwürdigen John Merlini, dann sprechen wir automatisch
auch über Banditentum und Banditen, für deren Erlösung unsere
beiden heiligen Missionare so viel arbeiteten und litten. Aber das Banditentum
war nicht der beunruhigendste Aspekt des politischen und sozialen Lebens in
den Kirchenstaaten der damaligen Zeit, wenn er auch ein sehr bedeutender und
allgemein problematischer war. Kaspars Urteil über die Art und Weise, wie
die päpstlichen Staaten mit diesem Problem umgingen war äußerst
hart (siehe Epistolario III, 1824-25, S. 337-353).
Die Politikerklasse, die damals an der Macht war, war korrupt und nur auf ihren
persönlichen Profit aus. Der brutale Einsatz von Gewalt, die ungleiche
Einkommensverteilung und die Laxheit des Klerus verstärkten die Opposition
gegen die Regierung, die oft stark antiklerikale und anitreligiöse Formen
annahm. Freunden, die politisch ernsthaft engagiert waren, schlug Kaspar einige
politische Lösungen vor, die damals einer Rückkehr zum Feudalstaat
gleichzukommen schienen. Aber "politische Lösungen" waren nicht
Kaspars Hauptbesorgnis. Seine Tätigkeit als Priester und Missionar, gemeinsam
mit seinen Mitbrüdern, hier sei vor allem der ehrwürdige John Merlini
erwähnt, war streng anitpolitisch, in dem Sinn, daß seine einzige
Motivation und Berufung war allen, ganz egal welchem sozialen, kulturellen oder
politischen Umfeld sie angehörten, die Erlösung zu verkünden.
Seine Tätigkeit war antipolitisch, aber nicht realitätsfern, apostolisch,
aber nicht unmenschlich. Alles war auf den Himmel ausgerichtet, aber nicht losgelöst
von den Ereignissen der Welt, in der er lebte.
Im September 1824 schreibt er einen Brief an Kardinal Cristaldi:
Außerdem möchte ich sie bitten, den Heiligen Vater darum zu ersuchen, den Mißbrauch an den Körpern der von der Justiz zum Tode Verurteilten im Sinne des Köpfens oder Verstümmelns der Leichname zu beenden. Es ist schon genug, daß die Schuldigen bestraft werden, danach sollte all jenen, die durch die Sakramente eine Versöhnung mit Gott erlangt haben, ein christliches Begräbnis gegeben werden. Was momentan passiert ist unmenschlich. In einigen Orten der Provinz, sind die Schädel an den Toren oft zahlreicher als die Steine...Es ist ein großer Schmerz, sich immer wieder dieser Vorgangsweise gegenüber zu sehen, die ich in keiner Weise mit dem Geist religiöser Pietät gegenüber den Toten vereinbaren kann (ebda. 153).
Durch sein starkes apostolisches Bewußtsein, fühlte Kaspar diese Situation an der "Front", die ihm direkt von Papst Pius VII zugewiesen worden war, sehr tief und stark.
Seine Sendung der Versöhnung, die durch Feuer- und Wasserproben gegangen war, wurde mit noch größerem Bewußtsein gelebt, ein Bewußtsein ohne das seine Handlungsfähigkeit wohl verwelkt wäre.
In einem anderen Brief an Cristaldi vom 20. Juni 1825, spricht Kaspar über die Ursachen des Banditentums, die seiner Meinung nach in der sozialen Ungerechtigkeit, der Korruption der Führungsschicht und dem Mangel an öffentlicher Ordnung lagen:
Es kann nicht geleugnet werden, daß das Banditentum zum Großteil seinen Ursprung in einem gewissen Haß der Armen den Reichen gegenüber findet, besonders im Bezug auf die Interessen. Man kann nicht sagen, welche Art von verfänglichem System bezüglich des Getreidehandels und der sogenannten Anleihen, die mit einer Anleihe nichts zu tun haben, eingeführt worden ist, welches die durch diese Schikane beunruhigten armen Leute dazu geführt hat, Rache und Aufstand zu fordern. Die Reichen, die die Bedürftigen so unterdrücken, wissen außerdem, wie man dieses temporäre Einkommen dann beim andauernden Spielen, Tanzen, bei Ausschweifungen und Ähnlichem verschwendet (ebda. 340).
Aus diesem Grund
regt er einige praktische und wirtschaftliche Maßnahmen zur Unterstützung
der Armen und Bedürftigen an, die die bestehenden, aber noch nicht durchgesetzten
Gesetze der Synode berücksichtigen. Dann schreibt er: "so wird ein
Zusammenhang bestehen zwischen den externen Gesetzen und der frommen und religiösen
Ausbildung, die sie erhalten werden. Ich wiederhole, daß auf diese Weise,
viel schlechte Saat in den Herzen der Menschen vernichtet werden wird."
(ebda. 340)
Es ist sehr wichtig Kaspars Ansatz hier zu betonen: die externen Gesetze mit
der religiösen Ausbildung der Armen in Einklang bringen, da der wahre Feind
der Wahrheit nicht der Fehler, sondern die Unwissenheit ist.
Kaspar ananlysiert noch weitere Umstände, die, seiner Meinung nach, diese
Menschen dazu getrieben haben, sich den Banditenbanden in den Bergen anzuschließen:
"Der zweite Grund ist die Reduktion der Immunität der lokalen Kirche
und anderer frommer Stätten auf einen einfachen äußerlichen
Vorteil, bestenfalls eine Sache der Worte, aber ihrer Substanz beraubt."
So ist eine große Chance vergeudet worden, da das Ziel der antiken Institution
wäre "einen Mittelweg zwischen Verbrechen und zu unternehmenden Maßnahmen
zu finden, der Menschen vor der Verzweiflung abhält, sie aber bereit machen
würde, sich den Behörden zu stellen, wie ein Sohn, der in die Arme
seiner Eltern zurückkehrt. Diese bittersüße Mischung läßt
einen das Verbrechen in seiner eigenen Mißgestalt sehen."(ebda. 340)
Kaspar macht auch darauf aufmerksam, daß die Gesetze im Allgemeinen nicht
den erwünschten, sondern genau den gegenteiligen Effekt hätten. Er
bemerkt, daß es in Begleitung einer Wache "andere Wege gäbe,
den Verbrecher wieder mit der Regierung zu versöhnen und die Strafe aufgrund
von gutem Benehmen gemildert werden könnte." Das würde den Staat
auch von einigen Problemen und Kosten befreien. "Die Erfahrung hat gezeigt,
daß, wenn auch nicht alle Vergehen auf diese Weise ausgemerzt werden können,
nicht verneint werden kann, daß ihre Anzahl verringert würde und
es ein Weg wäre, die Anzahl nicht zu steigern, für jeden der aus Verzweiflung
entscheiden sollte in die Berge zu gehen."(ebda. 340)
Hier schlägt Kaspar den Behörden vor
"ein Edikt zu entwerfen, versöhnlich aber nicht überschaubar
(an solchen Formulierungen fehlt es uns ja nicht), welches auch eine indirekte
Aufforderung an diejenigen beinhaltet, die bis jetzt Gesetzesbrecher waren,
sich in die Hände der Kirche zu ergeben und friedlich die Maßnahmen
anzunehmen, die die Ordnung, die auch ein Vater ist, in ihrem Fall anwenden
würde. All dies würde in jeglicher Art diese schlechte Form des Lebens
tilgen. Man muß aber auch eine gewisse entschiedene Handlungsweise annehmen
und aus den verschiedenen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten die
auswählen, die zwischen der spirituellen und ewigen Seite und der temporären
und externen Welt die beste Balance schaffen. Welch schmerzhafte Erfahrung ist
es doch zu hören, daß es Menschen gibt, die sterben, ohne jemals
das Wort Jesus ausgesprochen zu haben! Hier geht es um das ewige Feuer und um
Seelen, die das Blut unseres Herrn gekostet haben! Wie auch immer die Prinzipien
des anzuwendenden öffentlichen Rechts aussehen mögen, ist es sicher,
daß wir diese Prinzipien untersuchen sollten, nicht mit Einschränkungen,
sondern auf umfassende Art, das heißt also mit Erbarmen, Nächstenliebe
und dem Bestreben, Seelen zu erretten."(ebda. 341)
Hier liegt der
Schlüssel für das Verständnis des sozialen Engagements von Kaspar
und John Merlini: "das Bestreben, Seelen zu erretten."
Was heißt dies alles praktisch gesehen für unsere Sendung der Versöhnung?
Es war eine Entscheidung zur Bekämpfung des Mangels religiöser Bildung,
der die wirkliche Ursache für die soziale Plage des Banditentums war. Aus
diesem Grund verlangte Kaspar schließlich, allein mit seinen Mitbrüdern
zu den Banditen zu gehen, ohne Militäreskorte, und er hatte dabei eine
sehr klare Vorstellung im Kopf: "Wir verkündigen nämlich nicht
uns selbst, sondern Jesus Christus als den Herrn, uns aber als eure Knechte
um Jesu willen. Denn Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufleuchten!,
er ist in unseren Herzen aufgeleuchtet, damit wir erleuchtet werden zur Erkenntnis
des göttlichen Glanzes auf dem Antlitz Christi." (2 Kor 4, 5-6)
Für Kaspar bedeutet ein Mensch der Versöhnung zu sein, ein starkes Bewußtsein Christi zu besitzen, ein Bewußtsein, daß nicht etwas für sein Leben Externes darstellt, sondern die innerliche Wahrheit seines Menschseins verkörpert.
Von dieser Sichtweise
des Glaubens ausgehend, gründet sich die Antwort auf Gewalt nicht auf externe
Überlegungen von Gesetzen und öffentlicher Ordnung, denn wenn sie
in erster Linie eine Angelegenheit von Gesetz und Ordnung ist, dann muß
die Antwort auf Gewalt juristisch und bestrafend sein. Wenn sie aber andererseits
aus der eigenen Verpflichtung "Gott freier zu folgen und ihn genauer nachzuahmen"
(Perfectae Caritatis, 1) kommt, dann wird sie eine Antwort des Friedens und
der heilenden Versöhnung sein. Deshalb sagt Kaspar, "mit allem Respekt"
zu Bischof Benvenuti, dem Delegierten für Frosinone, "wenn Sie dem
Banditentum endgültig und schnell ein Ende bereiten wollen, veröffentlichen
Sie ein Dekret der Milde." Er unterstreicht, daß die Mission seiner
Mitbrüder den Haß unter den Armen und ihren Durst nach Rache ausgelöscht
hat. So könnten Menschen, die sich in den Bergen versteckt hielten, wieder
zurückkommen und ein normales Leben führen, wenn sie mit Milde davonkämen,
und das Problem wäre gelöst.
Alles was Kaspar sagt, spiegelt sich in einem Brief der Banditen aus ihrem Versteck
den Bergen wider, den sie an den "hochgeschätzten und ehrwürdigen
Don Giovanni (Merlini)" senden, der immer "die göttlichen und
die irdischen Dinge predigt" um "der Welt Frieden und Ruhe" zu
bringen. "Die armen Banditen geben sich in die Hände seiner gütigen
Nächstenliebe" und bitten ihn mit Canon de Bufalo zu sprechen, um
von Seiner Heiligkeit "die Veröffentlichung eines Dekrets der Vergebung"
zu erlangen. Sie haben auch die feste Absicht, wenn Kaspar zustimmt, mit ihren
Familien nach Rom zu ziehen, um den Papst um Vergebung zu bitten.
Leider hätte ein schnelles Ende des Banditentums den Feinden der Kirchenstaaten
nicht gefallen, da es das Prestige des Papstes gefördert hätte. Auch
den eigenen Bürokraten hätte es nicht gefallen, die ihre Zulagen für
außerordentliche Risken verloren hätten! Die Geschichte der grausamen
Banditen, die ihren Ursprung in der spirituellen und kulturellen Unwissenheit
hatte, ging also weiter, wie auch die Grausamkeit der Behörden, die ihre
Wurzeln im Hunger nach Macht und Reichtum fand, sie hielt noch viel länger
an. Diese Geschichte hat auch heute Gültigkeit.
Der große Bedarf nach "Vergebung" ist das zentrale Thema dieses
Jahrhunderts, ein sogenanntes "Jahrhundert der Laien". Es ist der
ungelöste Knoten, um den sich noch heute die meisten der dornenreichen
Fälle, die die Weltpolitik und die Kulturen beschäftigen, drehen.
Vielleicht ist das ein neues Kanossa, bei dem dieses "Jahrhundert der Laien"
die moralischen Probleme, mit denen es nicht fertig wird, niederlegt.
Versöhnung
In Einer Pfarre
Antonio
Baus, C.PP.S.
Die Missionare
des Kostbaren Blutes begannen ihre Arbeit in Chile im Jahre 1947. Seit diesen
Anfangsjahren waren sie für die pastorale Betreuung der Pfarre San José
zuständig. Im Laufe der Zeit wuchs diese Pfarre sowohl in ihren Dimensionen
als auch in der Zahl der Mitglieder. Durch ihre Lage am äußersten
Rand von Santiago, war sie durch Armut und fast unkontrolliertes Wachstum von
Ansiedlungen in ihrer Umgebung charakterisiert. Eine dieser Ansiedlungen erhielt
erstmals in den 50er Jahre pastorale Betreuung und wurde am 8. Juli 1962 mit
dem Namen Unsere Mutter des Kostbaren Blutes zu einer eigenständigen Pfarre.
Seit damals haben die Missionare des Kostbaren Blutes ihre Tätigkeiten
dort bis zum heutigen Tag, inmitten zahlreicher Schwierigkeiten, sowohl organisatorischer
Natur, als auch im Hinblick auf die Infrastruktur, ausgebaut. Man spürte
die Auswirkungen der jahrelangen Diktatur und später die Priesterknappheit.
Die verschiedenen Siedlungen und Gebiete, die erbaut wurden, spiegeln die Situation
vieler Familien wider, die dorthinkamen, um sich unter großen Anstrengungen
und unter schwierigen Bedingungen ohne viel Hilfe seitens der Nachbarn ihre
Häuser zu errichten. Schritt für Schritt wuchsen so auch die Nachbarschaftsorganisationen,
die die Siedlung formten und an der Deckung der Grundbedürfnisse, Strom,
Wasser und Abwasserkanäle mitarbeiteten.
Inmitten dieses ganzen Prozesses wurde auch die Kirche erbaut, nicht nur das
Gebäude selbst, sondern auch die zahlreichen Beziehungen, die durch die
Bildung verschiedener Gruppen um die Pfarre herum gewachsen waren. Die Fortschritte
waren jedoch nur langsam sichtbar, es brauchte viel Geduld und viele Anstrengungen.
Die Jahre der Diktatur
Unter der Diktatur (1973-1989) litten viele Siedlungen dieses Gebiets unter den ihren Mißbräuchen. Das Gebiet unserer Pfarre war besonders von politischer Unterdrückung betroffen, die sich durch die wirtschaftliche Rezession der 80er Jahre noch stärker auswirkte. Dies war aber kein Hindernis für die Schaffung einiger Organisationen im Rahmen unserer Pfarre, die den Menschen konkrete Hilfestellungen boten, die durch das System auferlegten großen Schwierigkeiten zu überstehen. Einige dieser Organisationen und ihre Leiter wurden ebenfalls zu Verdächtigen gezählt und mußten ihren Teil des Leidens tragen, bis hin zum Ausschluß oder zur Verfolgung.
Die Anwesenheit und die Unterstützung der Missionare des Kostbaren Blutes war konstant, aber sie war auch nicht ohne Mißverständnisse und Schmerz.
Nicht alle Gemeindemitglieder, obwohl sie in dem gleichen armen Gebiet der Stadt lebten, dachten über die Richtlinien der Regierung in gleicher Weise. Es gab Anhänger und Gegner. Dies verstärkte die Spannungen, denen wir uns in der Pastoralarbeit gegenüber sahen.
Eine neue Richtung der Pastoralarbeit
Anfang 1994 ersuchte
mich der Leiter des Vikariats die Position des Vikars unserer Gemeinde "Unsere
Mutter des Kostbaren Blutes" zu übernehmen, in der Hoffnung der neue
Pfarrer würde in den nächsten paar Monaten eintreffen, um den, der
die letzten 13 Jahre dort gearbeitet hatte, zu ersetzen. Gleich von Beginn an
fühlte ich, daß ich in der örtlichen Gemeinde nicht willkommen
war. Man sprach über meinen pastoralen Stil und lehnte ihn ab. Anfänglich
versuchte ich, eine ruhige Haltung einzunehmen, ich wußte, daß es
für die Leute hart war, eine Richtungsveränderung in der pastoralen
Arbeit anzunehmen, besonders, wenn die Veränderung die Arbeit eines Priesters
betrifft, der dort 13 Jahre mit großer Hingabe und unter den harten Bedingungen
der Diktatur gewirkt hat. Ich begann mit Worten der Wertschätzung und Anerkennung
der Arbeit meines Vorgängers. Ich dankte Gott dafür, daß die
Menschen die Arbeit eines Mitbruders unserer Kongregation so völlig angenommen
hatten. Aber die Spannungen hielten an und ich konnte die Gründe für
ein derartiges Mißtrauen nicht verstehen. Nach etwa einem halben Jahr,
erhielten wir aus verlässlichen Quellen Informationen darüber, daß
es gegen meinen Vorgänger Anschuldigungen gab, er hätte sein Zölibatsversprechen
gebrochen. Zu Anfang konnte keiner von uns diesen Anschuldigungen Glauben schenken,
besonders da wir hier von einem Mitbruder sprachen, der einen ausgezeichneten
Ruf genoß und dem wir Respekt zollten. Leider mußten wir aber erkennen,
daß die Anschuldigungen wahr waren, was dazu führte, daß er
nicht mehr als Mitglied der Kongregation dienen konnte.
Zur gleichen Zeit mußte das Vikariat mit einer akuten Priesterknappheit
fertig werden, so wurde in diesem Zusammenhang beschlossen eine unserer zwei
Pfarren an die Erzdiözese abzugeben. Das Vikariat entschied "Unsere
Mutter des Kostbaren Blutes" zu behalten.
Ich persönlich mußte mir an diesem Punkt die Frage stellen: Wo liegen die Wunden? Wo wurde Blut vergossen? Wo könnten wir am besten unsere Spiritualität leben?
Die Reflexion über die Vergangeheit war die Antwort und die persönliche Motivation für alles was bis heute geschehen ist.
Unterricht in Versöhnung
Der Weg durch diese Situation in fast fünf Jahren war nicht leicht, besonders während der Zeit, in der der frühere Pfarrer, aufgrund besonderer Umstände, weiter seinen Dienst in der Gemeinde vorantrieb. Dies führte zu Unklarheit, war aber gleichzeitig gut, da hierdurch einige für jedermann bislang ungeklärte Aspekte klar wurden.
Ich glaube, einer der Wege, den wir wählten, war uns mit den erlittenen Wunden in aller Offenheit und mit großem Leid zu konfrontieren, ohne zu versuchen so zu tun, als wäre nichts gewesen.
Die Geschichte
des Leids, und ich beziehe mich hier nicht nur auf die persönlichen Probleme
meines Vorgängers, sondern auch auf den gesamten politischen und sozialen
Kontext, in dem wir alle lebten, wollten wir direkt angehen und in Versöhnung
hinter uns lassen mit der Hilfe unserer reichen Spiritualität.
Seit Kurzem unterstützen uns die Schwestern des Kostbaren Blutes aus Dayton
bei unserer Pastoralarbeit. Sie haben die Herausforderung unserer Spiritualität,
die Wunden heilt, unsere Herzen versöhnt, uns lehrt zu vergeben und uns
vor allem die bedingungslose Liebe des Herrn offenbart auf sich übertragen.
Das
Entstehen Einer Gemeinschaft Der Versöhnung
Rosario Pacillo, C.PP.S.
Man hat mich ersucht,
über die gelebte Erfahrung der Versöhnung in der Pfarre St. Philip
Neri in Putignano zu erzählen. Die Bedeutung dieser Erfahrung liegt darin,
daß sich diese Gemeinde seit 1988 der konkreten Arbeit mit Jugendlichen
verschrieben hat, die in den dunklen Tunnel der Drogen geraten sind. Hand in
Hand mit den verschiedenen Tätigkeiten der Pfarre, wie katechistische und
liturgische Dienste, hat sich unter der Leitung einer großen Gruppe Freiwilliger
Helfer der Family Association (Vereinigung der Familien) von St. Philip Neri
eine karitative Tätigkeit entwickelt, deren Ziel es ist, den Drogenabhängigen
zu helfen. Zwei Strukturen haben sich bei dieser Arbeit herausgebildet: ein
Haus des Willkommens und der Gastfreundschaft, wo die abhängigen Jugendlichen
die schwierige Phase des Entzugs von den Drogen durchleben und das Familienhaus,
wo die Jugenlichen leben, die schon in einem fortgeschritteneren Stadium der
Therapie sind. Dieses Haus wird in Zusammenarbeit mit einer Therapiegemeinschaft
des Projekts "Uomo" bei Bari geleitet. In der ersten Phase des Programms,
die abwechselnd von regulären Mitarbeitern, Freiwilligen und Zivildienern
geleitet wird, haben es schon 1.200 junge Menschen, vorwiegend junge Männer,
die oft auch Probleme mit dem Gesetz haben, geschafft. Die zweite Phase, die
es erst viel kürzer gibt, haben schon ca. 70 durchlaufen.
Die Vereinigung kümmert sich auch um präventive Maßnahmen (mit
Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrern, entweder in der Schule oder in der Pfarre)
und ein Ausbildungsprogramm. Einige Jugendliche sind auch in der Phase der Reintegration
in die Gesellschaft begleitet worden.
Auf dieser Zusammenfassung basierend, die nötig war, damit der Leser versteht
was ich schreibe, werde ich meine Erfahrungen mit der Versöhnung in der
Gemeindepfarre erzählen, natürlich im Bezug auf den speziellen Impuls,
den die Tätigkeit in diese Richtung hat.
Versöhnung mit der Identität der Mission
Als Missionar des Kostbaren Blutes bin ich oft gefragt worden: Was ist Ihre Identität als Missonar? Ich antworte: Die Verkündung des Mysterium Christi! Aber wie verkündige ich dieses Mysterium? Durch das Wort! Aber wie kann das Wort des Blutes verkündet werden, ohne seine heilende Kraft zu beeinträchtigen? Bleibt es manchmal wirkungslos? Das passiert, wenn es nicht durch Zeugnis belegt ist! Welches Zeugnis macht aber das Blut unserer Erlösung gegenwärtig? Mir scheint, es ist nicht die persönliche Arbeit, sondern die Gemeinschaftsarbeit für die Drogenabhängigen auf ihrem Weg aus dem Tunnel, die klares Zeugnis ablegt vom Mysterium des erlösenden Blutes. Ich habe erfahren, daß diese Arbeit, die manchmal nicht geplant ist, sondern sich spontan aus den Bedürfnissen der Pastoralarbeit ergibt, mich mit meiner Identität als Missionar versöhnt hat. Das ist eine Versöhnung, die noch nicht komplett ist, immer wieder vervollständigt werden muß, besonders dann, wenn die menschlichen Tätigkeiten über das sprirtuelle Handeln die Oberhand gewinnen.
Versöhnung in der Pfarrgemeinde
Aber auch die Pfarrgemeinde
hat Versöhnung erlebt. Die italienische Kirche hat das Bedürfnis gefühlt,
mit den Armen unserer Zeit versöhnt zu werden, und hat so einen Pastoralplan
für die 90er Jahre erarbeitet, der im Dokument "Evangelisierung und
Zeugniss der Nächstenliebe" weitergeführt wird. Die Nächstenliebe
sollte ins Zentrum der Arbeit gerückt werden zur Versöhnung mit den
dramatischsten Situationen der Region, mit dem Teil des sozialen Umfelds, der
der Verkündung des Evangeliums ferngeblieben war, abgehärtet durch
die Probleme und die Erfahrung der Ausgrenzung und so unfähig die Saat
des Wortes zu empfangen. Wie könnte die Katechese sonst zu in ihrem Leid
eingeschlossenen Familien vordringen, wenn nicht mit Hilfe ihrer Schwester,
der Nächstenliebe? Und wie könnten sie in der Liturgie den Herrn lobpreisen,
wenn sie unter der Herrschaft anderer Herren stehen? Die Pfarre wurde sich bewußt,
daß das Drogenproblem nicht in der Ferne lag, sondern in vielen Ecken
ihrer Nachbarschaft zu finden war und das soziale und spirituelle Leben der
Gläubigen so beeinflußte. So schreckten die Katechisten und ihre
Mitarbeiter nicht vor dem Problem zurück, sondern stellten sich voll und
ganz in den Einsatz für diese Kausa. Gleichzeitig mußten sie auch
viele Schwierigkeiten bewältigen, Konflikte, Ängste und Eifersucht
einer Gemeinde, die sich für "gesund" hielt und es bevorzugte
wegzuschauen als hinzusehen, sich zu verteidigen anstatt zu kämpfen.
Sicherlich war diese Erfahrung für einige traumatisch. Die Nutzung der
Unterrichtsräume und anderer Teile des Pfarrhauses für die Betreuung
der Drogenabhängigen löste anfangs Skandal, Mißbilligung und
Alarm aus. Für viele war dies aber ein Zeichen des prophetischen Zeugnisses
und der Hoffnung.
Drogenabhängige in der Pfarre aufzunehmen, zeigte eine christliche Gemeinschaft, die nicht nur Platz für Liturgie und Katechismus hatte, sondern auch für die Nächstenliebe.
Eine Art Wettbewerb
der Nächstenliebe entwicklete sich, der immer mehr Freiwillige für
die Kirche zu Tage brachte, unter denen, die bis dahin ihren Glauben nicht sehr
aktiv gelebt hatten. Nun wechselten sie sich darin ab den jungen Menschen Tag
und Nacht zur Seite zu stehen, Mahlzeiten vorzubereiten und sie zu den Therapiesitzungen
in den verschiedenen Gemeinschaften zu begleiten.
Aber der Weg war noch lang. Eine Organisation, die sich auf die Arbeit Freiwilliger
begründet, riskiert eine Distanzierung von den spirituellen wie auch den
materiellen Ressourcen der Kirche und könnte bei der Vermittlung der eigenen
Energien versagen. Natürlich teilten einige Pfarrgruppen mit den Jugendlichen
aus dem Vorzulassungsprogramm ihre Erfahrungen, wie in den Treffen zur Vorbereitung
auf das Jubiläum aufgezeigt. Andere Gruppen hießen sie willkommen,
untersuchten sie, hörten sich ihre Geschichten an und wurden sich so tiefer
über ihr Leid bewußt. Dies konnte aber noch viel weiter gehen, da
die religiöse Bildung sich der reichen Erfahrung der therapeutischen Gemeinschaften
und ihrer Methoden bediente. Die Jugendlichen im Vorzulassungsprogramm bereicherten
die Sonntagsvesper mit ihrem Gesang und ihren Gebeten. Bei den verschiedenen
Messen brachten sie Spenden zur Unterstützung der beiden Hilfszentren.
Was sie da aber eigentlich taten, war nicht einfach Theater, oder pure Anbetung,
sondern die Motivation in Richtung einer Kommunion der Herzen.
Die Pfarrgemeinde erlebte noch ein weiteres Beispiel von Versöhnung, diesmal
in ihrem missionarischen Charakter. Auch diese Versöhnung wurde durch die
Arbeit mit den Drogenabhängigen möglich. Die Pfarre war zu einem Anlaufpunkt
für Jugendliche und Familien geworden, die Hilfe brauchten. Die Botschaft
der Nächstenliebe hatte sich überall verbreitet. Andere folgen unserem
Beispiel und die Freiwilligen können über das Geschehene Zeugnis ablegen.
Versöhnung der Drogenabhängigen mit Gott und der Kirche
Der Anreiz zur Versöhnung mit der Kirche kam aus der überwältigenden Erfahrung der Überwindung der Sucht. Sie sind lebende Ikonen des Mysteriums von Pascal, von Tod und Auferstehung, Niederlage und Sieg, Fall und Wiederaufstieg.
Die Abhängigen
erleben einen innerlichen Zusammenbruch in sich selbst und folglich auch einen
Zusammenbruch der Beziehungen zu Christus und der Kirche, von der sie sich spirituell
und physisch entfremden. Sie wissen, daß für sie die Drogen die Stelle
Gottes eingenommen haben und eine absolute und despotische Macht über sie
ausüben, die sie für alle Werte oder Gefühle unempfänglich
macht. Auch die Beziehungen zu ihren Familien sind so zerstört worden.
Sie sind mutterseelenallein. Gott steht nicht auf ihrer Seite, sondern ist zu
einem Feind geworden. Sie können Gottes Urteil über ihre Verbrechen,
wie Diebstahl, Raub, Gewalt oder Prostitution, nicht entkommen. Schon das Betreten
einer Kirche bedeutet für sie, sich Gewalt anzutun. Sie fühlen sich
unwürdig, ohne Chance auf Vergebung. Sie können versöhnt werden,
aber nicht ohne einen Befreiungsprozeß, eine innere Veränderung,
eine Distanzierung vom früheren Sklaventum, äußerlich wie innerlich.
Dieses außergewöhnliche Werk wird durch das Blut Christi vollbracht.
Es wird durch die Gebete der gesamten Kirche, durch die freie, großzügige
und demütige Liebe der Freiwilligen weitergetragen.
Was den Menschen unmöglich erscheint, wird für die möglich, die ihr Vertrauen und ihre Hoffnung in das Blut Christi legen.
Die Erfahrung so einer kraftvollen und lebendigen Erlösung wird zum Paradigma für jede mögliche Verwandlung. Die Christen, die an der Überwindung ihrer Laster verzweifeln, sehen hier mit eigenen Augen, daß sogar das Laster der Drogen besiegt werden kann.
Versöhnung in der Familie
Eine sehr intensive
und schmerzvolle Arbeit ist auch die mit den Familien der Abhängigen. Wir
leben in einer Gesellschaft, in der die Familie einer Konfliktsituation ausgesetzt
ist und entlastet werden muß. Abgesehen vom Generationenkonflikt und Diskussionen
über Werte, haben die Familien von Drogenabhängigen spezifische Probleme.
Oft gehen der Drogensucht solche Konflikte voraus (Gewalt in der Familie, Mißbrauch
der Kinder, Trennung, Scheidung, Betrug), kommen mit der Drogensucht auf (Verweigerung
der Unterordnung, Lügen, Betrügen) oder folgen nach der Drogensucht
(Pleite, Verschuldung, Verlust des Rufs, Vereinsamung, Versprechen an die Kinder
und ähnliches). Die kontinuierlichen Treffen mit den Familien der Abhängigen
sind ein Akt der Geduld in der Versöhnung. Die Familien müssen ihre
eigenen Fehler erkennen und eingestehen und dann eine neue und konstruktive
Haltung finden, diese zu heilen. Nicht alle wollen das Heilen riskieren, aber
manchmal werden wir Zeugen von wahren Wundern der Versöhnung.
Aus dieser Arbeit mit den Familien der drogenabhängigen Jugendlichen, ist
die Idee entstanden, auch mit anderen Familien der Gemeinschaft zur Vermeidung
zukünftiger Konflikte zu arbeiten. Es sind so Treffen und Kurse für
Eltern entstanden, in denen sie eine Vielzahl von Familienthemen ansprechen
können.
Versöhnung mit der Gesellschaft
Schließlich
hat die Arbeit mit den Jugendlichen auch Frieden in der Gesellschaft geschaffen,
entweder durch die Möglichkeit wieder in die Gesellschaft reintegriert
zu werden, was vor 10 Jahren noch heftigen Alarm ausgelöst hätte,
oder durch eine Annäherung der Gesellschaft an die Kirche.
Schon ausgeschlossen, haben die Drogenabhängigen diesen Ausschluß
noch verstärkt, schon isoliert, wurde der Abstand immer größer
und größer. Ihr immerwiederkehrendes Verhalten, ihr Handtaschenstehlen,
ihre Raubüberfälle, Ihre Diebstähle, ihr Schwindeln, ihre Gewalt
und ihre Lügen kennzeichneten sie für immer. Dies alles muß
in unserer Wahl eines Ortes berücksichtigt werden, an dem sie sich "zurückentwickeln"
konnten. Die Pfarrgemeinde zeigte mit ihrer Gastfreundschaft, daß ein
Zusammenleben der Drogenabhängigen sogar mit Kindern möglich war.
Indem man sie ins Herzen der Pfarraktivitäten setzte, ermöglichte
man das Wachsen einer Beziehung zu ihnen, ein Willkommenheißen am Ende
ihre Heilungsweges an der Schwelle der Gesellschaft. Die St. Philip Neri Familienvereinigung
mit ihren Freiwilligen hat direkt und indirekt dazu beigetragen, viele dieser
jungen Menschen wieder zurück in die Gesellschaft und sogar in die Arbeitswelt
zu führen. In der Betreuung ihrer Heilung hatte die Pfarre eine entscheidende
Rolle bei der Schaffung von Frieden, sowohl in der kirchlichen, wie in der weltlichen
Gemeinschaft. Durch die Verringerung der Anzahl von Drogenabhängigen, und
der Begleiterscheinung Beschaffungskriminalität, hat sich unter den Einwohnern
von Putignano das Vertrauen in die Kirche gestärkt und die oftmals gehörten
Anschuldigungen, die Kirche würde sich zu sehr von sozialen Problemen distanzieren,
wurden ausgeräumt.
Zum Schluß möchte ich den unbestrittenen Wert dieser Arbeit unterstreichen
und den anderen Gemeinschaften nahelegen, besonders denen unter der Leitung
der Missionare des Hl. Kaspar, sich mit dem Drogenproblem, das es an so vielen
Orten gibt, und mit anderen Problemen auseinanderzusetzen. Dies scheint ein
Zeugnis der Nächstenliebe in einer "neuen, lebendigen Art" zu
sein, durch die das Blut Christi uns mit denen verbindet, die durch das Böse
entfremdet wurden, und uns durch ihre Rettung zu einer wahren Versöhnung
mit Gott führt.