
| Unser
Ruf zur Umkehr von Barry Fischer, C.PP.S. |
| Umkehr
und der Ruf des Blutes von Robert Schreiter, C.PP.S. |
| Neu
geboren als "Companions" von Mark und Jean Giesege |
| In
andern Kulturen leben
von Giuseppe Montenegro, C.PP.S. |
| Änderung
der Strukturen als Frucht der Umkehr von Luis Briones, C.PP.S. |
|
"Ferne"
und "Ausserhalb des Lagers" |
Unser
Ruf zur Umkehr
Barry Fischer, C.PP.S.
Einleitung
Die vorausgehende Nummer des Kelches konzentrierte sich auf den Dienst am Wort, das besondere apostolische Ziel unserer Kongregation. In seinem unvergesslichen Schreiben "Evangelii Nuntiandi" erinnert uns Paul VI. an das Wesen der Evangelisation: "die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluss von innen her umzuwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern... Die Kirche evangelisiert, wenn sie sich darum bemüht, ... zugleich das persönliche und das kollektive Bewusstsein der Menschen, die Tätigkeit, in der sie sich engagieren, ihr konkretes Leben und jeweiliges Milieu umzuwandeln" (18). Dann fährt der Hl. Vater in Nr 19 weiter: "Für die Kirche... geht es auch darum, durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umzuwandeln". Im Vorwort zu unseren Konstitutionen heisst es: "In den Missionshäusern zusammen lebend, waren (die Missionare) eine Quelle ständiger Erneuerung für die Priester und für das Volk" (C1).
Im September 2000 haben die Höheren Obern bei ihrem Treffen in Kufstein formell das Profil des Missionars des Kostbaren Blutes als offizielles Dokument unseres Ausbildungsprogramms gutgeheissen. Sie hielten es für ratsam, der Einleitung einen Satz beizufügen, der alle Mitglieder der Kongregation aufruft, dieses Profil für ihr eigenes ständiges Wachstum und ihre Erneuerung zu benützen. Der hl. Kaspar erinnerte gern seine Missionare, dass, wenn wir andern das Wort Gottes verkünden, wir es gleichzeitig uns selbst verkünden! Mit andern Worten: Auch wir sind ständig zur Umkehr aufgerufen.
Mittel der Erneuerung
Ich möchte einige besondere Gesichtspunkte in Bezug auf unseren Ruf zur Erneuerung als Kongregation vorschlagen. Wenn wir in der Kirche und in der Gesellschaft im Dienst der Erneuerung wirken wollen, müssen wir uns selber tief in den Prozess der Erneuerung versenken. Was sind das für Gebiete, wo Erneuerung, Umwandlung und Wachstum nötig sind? Ich will über unseren Ruf auf den drei Gebieten nachdenken, welche die Säulen unserer Identität sind: Sendung, Gemeinschaft und Spiritualität.
Sendung. Der Ruf des Blutes ladet uns ein, die Schätze des Kostbaren Blutes tiefgründiger einzusetzen. Wir sind gerufen, unsere Sicherheiten fallen zu lassen, unsere bekannten Welten, unsere bewährten Apostolate, damit wir uns in die Welten des "Anderen" wagen. Wir sind zum Wagnis aufgerufen. Als Mitglieder einer Kongregation stellen wir unsere Gaben und Talente in den Dienst unserer gemeinsamen Sendung, ohne uns an unsere persönlichen Pläne zu klammern. Als Missionare verpflichteten wir uns zur Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit. Diese Verpflichtung drängt uns, die Ketten abzuschütteln, die uns an einen bestimmten Ort fesseln, damit wir fähig werden, besser auf den Schrei des Blutes heute zu antworten. Der hl. Kaspar erinnert uns: "Wir sind keine Statuen!" Wir stehen im Dienste der Ortskirche und sollten uns mit dem Reichtum unseres Charismas in den Pastoralplan der Diözese einbringen, statt es als einen bloss internen Aspekt unseres Lebens und Wirkens anzusehen. Seit dem II. Vatikanischen Konzil anerkennt die Kirche die Sendung aller Getauften. Deswegen müssen wir die Zeichen des Klerikalismus ablegen und stärker mit den Laien, mit Männern und Frauen und mit anderen Ordensleuten am Bau des Reiches Gottes zusammen arbeiten. Wir sind aufgerufen, weniger individualistisch zu sein und in unserer apostolischer Arbeit stärker mit andern zusammen zu arbeiten. Da wir die Sendung der Kirche in der Welt kennen, müssen wir die Sakristeien verlassen und nicht nur an die innere Verwaltung der Kirche denken, sondern viel mehr an das Wachstum des Reiches Gottes in der Welt. Wir müssen Abschied nehmen vom Priesterbild, das auf Macht und Ansehen aus ist, und Priester nach dem Vorbild Christi werden: durch demütigen Dienst, Mitleiden und Solidarität. Wir müssen neu entdecken, dass wir Missionare sind, indem wir unsere Institutionen aufgeben, um beweglicher und anpassungsfähiger zu sein. So werden unser Leben und unsere Sendung wieder prophetisch werden. Statt uns in unserer eigenen Kultur , wo wir arbeiten, gemütlich einzurichten, lernen wir die Zeichen der Zeit deuten und schwimmen gegen den Strom.
Gemeinschaft. Als Kongregation erfahren wir ein klares Wachstum in unserem internationalen Bewusstsein. Unser Blick beginnt sich zu weiten, so dass wir nicht mehr nur das Nächstliegende sehen. Wir gaben es auf, nur an die eigene Provinz zu denken, und wachsen in unserem Verantwortungsgefühl für die weltweite C.PP.S. Familie. In einer multikulturellen Gesellschaft und Kirche lassen wir unsere Vorurteile und unseren versteckten Rassismus sterben, um im Geist der Kenosis und Selbstentäusserung zu leben (vgl. Phil 2,7). Wir entledigen uns des Gefühls kultureller Überlegenheit, damit wir uns ehrfürchtig in Beziehung mit Menschen einer anderen Kultur einlassen können. Nur so sind wir offen für gegenseitige Bereicherung. Als Kongregation sind wir aufgerufen, unsere Sicht von nur einer Kultur auf viele Kulturen auszuweiten. Für Zeugen des Bundesblutes bedeutet Gemeinschaftsleben mehr als nur wohnen unter dem gleichen Dach. Es ist eine echte Gemeinschaft von Beziehungen, die in Dialog und Austausch wurzeln. In der heutigen Welt dürfen wir Autorität nicht mehr als blosse Ausübung von Kontrolle und Zwang sehen. Sie muss auch dienen, Dialog und Unterscheidung pflegen. Heute erwarten unsere Mitglieder, dass sie in der Gemeinschaft als Person geachtet, und nicht als Teil einer namenlosen Masse behandelt werden. In unserer Aus- und Weiterbildung ist das Mitglied Subjekt der eigenen Bildung und nicht ein Objekt, das von einem anderen geformt wird. Während wir unsere Spiritualität und Sendung mit den Laien teilen, sind wir berufen, unsere Gemeinschaft weiter zu öffnen und sie nicht auf uns selbst einzugrenzen.
Spiritualität. Während der letzten 30 bis 40 Jahren haben wir die Spiritualität des Blutes Christi wesentlich besser kennen und verstehen gelernt. Wir müssen weiter darin wachsen: An die Stelle der blossen Andachten zum Kostbaren Blut, muss die Spiritualität ins Leben umgesetzt, inkarniert werden. Nur so wird sie unsere Sendung und unser Gemeinschaftsleben prägen und stärken. Wir sind berufen, den reichen Schatz der Blut-Christi-Spiritualität mit der Lokalkirche zu teilen und zu entdecken, wie sie unsere Sendung befruchtet. Damit die Spiritualität des Blutes Christi der Motor und die Triebkraft unseres Lebens wird, müssen wir vor allem die Verbindung schaffen und deren Auswirkung auf das Alltagsleben entdecken. Wir müssen in unserer Spiritualität die Kraft finden, die alle Aspekte unseres Lebens verbindet. Wir müssen neue Ausdruckweisen und eine neue Sprache erfinden, um den heutigen Menschen deren Reichtum und Lebensnähe zu vermitteln.
In dieser Ausgabe
Ich habe versucht, auf verschiedene Aspekte unseres Lebens und unserer Sendung hinzuweisen, welche einer Umkehr und Reform bedürfen, damit unser Dasein in der heutigen Welt sinnvoll wird. Wir können in unserem Dienst am Wort nur dann andere zur Umkehr und Änderung des Lebens rufen, wenn wir diese in unserem eigenen Leben bezeugen. In dieser Ausgabe werdet ihr mehrere eindrucksvolle Erfahrungen verschiedener Missionare finden, Laien wie Mitglieder, die von ihrer eigenen "Umkehr" im Licht der Blut-Christi-Identität erzählen.
Zuerst teilt uns P. Bob Schreiter seine Überlegungen mit, wie die Bibel über die Umkehr spricht, angefangen von den Propheten bis zu Jesus. Zugleich denkt er nach über den Ruf des Blutes und seine Auswirkung auf die Umkehr in unserem Leben. Jean und Mark Giesege sind Companions in der Cincinnati-Provinz. Sie erzählen, wie dadurch neue Beziehungen gewachsen sind und wie sie als Laien und die Mitglieder der C.PP.S.-Provinz bereichert worden sind. P. Giuseppe Montenegro, ein bewährter Missionar in Tansania und in Indien erinnert sich, wie das Leben in verschiedenen Kulturen ihn als Person hat wachsen lassen. Er hat auch sein Missionar-Sein neu verstanden. P. Luis Briones, ein Missionar aus Chile, zeigt uns den sozialen Gesichtspunkt der Umkehr und Umwandlung als Folge der Evangelisation. Er überlegt, wie das Evangelium nicht nur Wege zur persönlichen geistlichen Umkehr bahnt, sondern auch die sozialen und kirchlichen Strukturen wandelt. Als letzter berichtet P. Jerry Stack, Seelsorger in einer Nervenklinik in Kalifornien, über seine Bekehrung vom Blut Christi als Andachtsform zur Spiritualität des Lebens, die ihn und seinen Dienst bereichert hat.
Ruf zum Wachsen
Bei den ersten
Kostbar-Blut-Studienwochen in der amerikanischen Provinz vor vielen Jahren sprach
man immer wieder über das Ostergeheimnis. Die ASC-Schwestern formulierten
es sehr klar, dass das Ostergeheimnis das Herzstück der Blut-Christi-Spiritualität
bildet. Auch wir erwähnen es (Normen, C4).
Das Ostergeheimnis ist nicht ein abstrakter Begriff, den wir als zentral nennen,
aber nicht leben wollen. Für Jesus war das Ostergeheimnis alles eher als
eine Idee. Es geht um das Sterben als Voraussetzung der Auferstehung zum neuen
Leben! Es ist das Herzstück unserer Nachfolge Christi in Treue zum Ruf
des Blutes! Es ist der Kern der Umkehr und Erneuerung!
Unsere Gemeinschaften sind dazu ins Leben gerufen worden, dass sie auf die immer
neuen Herausforderungen der Kirche antworten. Sie existieren nur in dem Mass
weiter, als sie fähig sind, auf die Nöte von heute zu antworten. Das
setzt voraus, dass das Charisma des Gründers und der Gründerin in
dieser Zeit und Kultur neue Formen annimmt. Das heisst für die alten Formen
und Strukturen sterben und für neue geboren werden. Heisst das etwa nicht,
das Ostergeheimnis leben? Ist das nicht der Kern einer missionarischen Spiritualität?
Ruft uns nicht das Blut Christi heute wie das lockende Licht eines Leuchtturmes,
dass wir schöpferisch darauf antworten wie damals der hl. Kaspar? Nur wenn
wir selber bereit sind, uns zu wandeln und zu erneuern, können wir glaubwürdig
das umwandelnde Wort Gottes anderen verkünden.
Umkehr und der Ruf des Blutes
Robert Schreiter, C.PP.S.
Ein
grundlegend christlicher Begriff
Der Ruf zur Umkehr ist einer der grundlegendsten Begriffe in der Bibel. Die
Propheten des Alten Bundes wurden nicht müde, das Volk zu mahnen, sich
von den Götzen und von der Sittenlosigkeit abzuwenden und sich wieder Gott
zuzuwenden, sein Erbarmen und Heil zu suchen. Diese zwei grundlegenden Ausrichtungen,
sich von etwas abwenden und etwas anderem zuwenden, haben einen sehr tiefen
Sinn. Wenn wir uns wegwenden, wird uns plötzlich bewusst, dass wir das,
womit wir unser Denken und Sehnen genährt haben, uns weder glücklich
noch gerecht macht. Was uns Glück und Fülle versprach, erweist sich
als leblos und ohne Zukunft. Hinter einer solchen Vergangenheit schliessen wir
die Türe. Wir bereuen, dass wir so gelebt haben.
Während wir solchen Dingen den Rücken kehren, fühlen wir uns
zu Gott hingezogen, zu seinen Gaben der Barmherzigkeit und der Liebe. Diese
Gaben schenken uns Leben und Hoffnung. Die Erfahrung der Umkehr ist das Gefühl,
dass sich uns der Weg von einem halben Leben zu neuen freudvollen Möglichkeiten
geöffnet hat. Zur Umkehr gehören also zwei Dinge: ein sich reuevoll
Abwenden und ein sich Hinwenden zu Jemand oder zu etwas, das ein Gefühl
neuer Verpflichtung enthält.
Der Ruf zur Umkehr stand im Mittelpunkt des Wirkens Jesu im Neuen Testament.
Im Markus-Evangelium steht er am Anfang des Berichtes von Jesu Wirken auf Erden:
"Kehrt um, denn das Himmelreich ist nahe!" (Mk 1,15) Hier lässt
uns die Umkehr sehen, was auf uns zukommt - das Reich Gottes. Wir erkennen,
dass unsere Herzen und unser Denken in die falsche Richtung gewendet waren.
Deswegen konnten wir nicht sehen, was auf uns zukommt.
Im NT begegnen wir in Paulus der umwerfenden Umkehr-Geschichte. Er, der die
Kirche verfolgt hat, wird zu ihrem eifrigsten Apostel. Die spätere Kirchengeschichte
berichtet noch viele eindrucksvolle Geschichten der Umkehr, wie Augustinus oder
Ignatius von Loyola. All diese Menschen, die Umkehr erfahren haben, bereuen
bitter ihre Vergangenheit und staunen dankbar, wie Gott über ihnen gewacht
und sie auf einen ganz neuen Lebensweg geführt hat.
Der hl. Kaspar hat in seinem eigenen Leben keine so umwerfende Bekehrung erfahren.
Aber als junger Priester im Gefängnis hatte er auch eine Erfahrung der
Umkehr. Es ging nicht um die Reue über das vergangene Leben (er hat sicher
nicht seine Treue zum Papst bereut), aber die Leiden der Gefangenschaft haben
seine Hinkehr zu Gott immer mehr geläutert. Sie halfen ihm in seiner späteren
Missionsarbeit klarer sehen, wo Reue und Umkehr nötig waren. So konnte
er die Sünder eindringlicher auffordern, das Erbarmen und die Liebe Gottes
anzunehmen.
Der Ruf des Blutes
Der Dienst der
C.PP.S. in der Erneuerung der Kirche durch den Dienst am Wort ist letztlich
untrennbar mit dem Ruf zur Umkehr in unserem eigenen Leben verbunden. Erst dann
können wir diesen Ruf an andere richten. Hier möchte ich auf die Möglichkeiten
hinweisen, die uns unsere Spiritualität des Blutes Christi als Mittel zur
Umkehr anbietet. Diese Spiritualität ruft uns zur Umkehr; zugleich stärkt
und ermutigt sie uns bei dieser Hinkehr zu Gott.
P. Barry Fischer hat oft über die zwei Dimensionen unserer Spiritualität
gesprochen: den Schrei des Blutes und den Ruf des Blutes. Den Schrei des Blutes
hören wir in den Situationen der Ungerechtigkeit, der Sünde und des
Todes. Diese Situationen schreien wie das Blut Abels, und Gott hört diesen
Schrei. Wer die Spiritualität des Blutes Christi lebt, hört den Schrei
des Blutes dort, wo er lebt, denn dorthin müssen wir gehen und handeln.
Neben dem Schrei des Blutes lässt sich der Ruf des Blutes hören, das
Wunderbare, was Jesus durch das Vergiessen seines Blutes für uns getan
hat. Sobald wir dieses grosse Geheimnis betreten, werden wir tiefer und tiefer
geführt, damit wir stärker teilnehmen an der Rettung und Versöhnung,
die uns in der Vergiessung des Blutes Christi angeboten ist.
Der Ruf des Blutes ist also die Einladung, den Raum der Gnade zu betreten, welche
die Welt verwandelt und versöhnt. Es ist der Augenblick der "Hinwendung"
bei der Umkehr, wo das Versagen, die Sünde, die Ungerechtigkeit des früheren
Lebens besiegt werden und die Umwandlung Wirklichkeit wird..
Der Kern der Spiritualität des Blutes Christi ist das Bewusstsein, dass
der Ruf des Blutes immer die zwei Seiten sichtbar macht: Leben und Tod. Im Alten
Bund bedeutete das Blut die Grenzlinie zwischen Leben und Tod. Der Tod ist ganz
klar, aber auch das Leben schickt schon seine Zeichen voraus. Das gilt für
all die grossen Symbole unserer Spiritualität: Bund, Kreuz, Kelch, Lamm,
Versöhnung.
Der Bund ist der Ruf zu neuem, vollem Leben mit Gott. Wir können es nur
verstehen, wenn wir es mit dem Leben ausserhalb des Bundes vergleichen. Die
Israeliten waren das "Nicht-Volk", wanderten in der Wüste, bis
Gott sie durch den Bund auf Sinai zu einem Volk zusammen geschweisst hat. Vor
dem Bundesschluss waren sie allein. Nun gehörten sie auf eine ganz besondere
Weise Gott. Die Israeliten konnten wirklich erst im Raum des Bundes erkennen,
wie trostlos ihre Situation vorher war.
Das Kreuz ist sicher das widersprüchlichste aller Zeichen. Auf der einen
Seite ist es das schlimmste Werkzeug der Schande, das zur Hinrichtung der schlimmsten
Feinde des Staates diente. Zugleich wird es aber zum Thron Gottes, der Ort,
den Gott sich "ausserhalb der Stadtmauern" (vgl. Hebr 13) erwählt
hat, um die Versöhnung der Welt sichtbar zu machen. Denn das Blut des Kreuzes
bringt der Welt Frieden (vgl. Kol 1,20).
Der Kelch, der neue Bund im Blut Christi, ist zugleich der Kelch der Bitterkeit,
den Jesus in seinem Leiden und Sterben trinken musste, der Kelch, wegen dem
er betete, er möge an ihm vorübergehen. Es ist aber auch der Kelch
des Festes, den er mit seinen Jüngern trinken will im Reiche Gottes.
Das Lamm im Buch der Offenbarung ist zugleich das geschlachtete Lamm und das
Lamm, das auf dem Throne sitzt, umgeben von allen, die aus der grossen Trübsal
kommen und nun Gott für immer loben.
Versöhnung, von der Eph 2,13-16 spricht, zeigt, wie Christi Blut die Fernen
und Getrennten zur friedlichen Einheit führt. Sie alle sind eingeladen
an den Tisch der einen Familie Gottes.
In all diesen grossartigen Symbolen, die zum Kern unserer Spiritualität
gehören, begegnen wir der gleichen Botschaft. Die Erfahrung der Umkehr
als Doppelerfahrung des Sich-Abwendens von der Vergangenheit und der Hinwendung
zur viel besseren Zukunft. Das Blut Christi macht diesen Richtungswechsel möglich.
Es zeigt uns, warum wir nicht das alte Leben fortsetzen dürfen, und ruft
uns zur Vereinigung mit Gott.
Der Ruf des Blutes erreicht uns in unserem Leben auf viele verschiedene, oft völlig überraschende Weise. Sein ununterbrochenes Locken ist ein Zeichen von Gottes Treue: Er bietet uns ständig die Vergebung an, das Erbarmen, die Liebe, die Zeichen der Gegenwart Gottes unter uns sind.
Neu
geboren als "Companions"
Mark und Jean Giesege
Neu
geboren?
Mein Mann Mark hatte eben auf dem Flohmarkt etwas gekauft, als ihm der Verkäufer
eine kleine Karte in die Hand drückte mit der Botschaft von der Liebe Jesu
Christi
"Sind Sie schon neu geboren?", fragte der Verkäufer an diesem
denkbar ungünstigen Ort, zu einer für die Evangelisierung sehr ungelegenen
Zeit.
""Ja, sicher", sagte Mark. Das ist eine rasche und leichte Art,
sich vor so aufdringlichen Christen zu schützen: Wenn man die Zugehörigkeit
beteuert, wird man vielleicht in Ruhe gelassen.
Aber als Mark dieses Wort aussprach, wurde ihm bewusst, dass es zutiefst der
Wahrheit entsprach: Ja, er ist neu geboren. Es war nicht eine Umkehr, die ihn
wie ein Blitzschlag in die Knie zwang, wie manche die Umkehr erfahren. Aber
er hat sich trotzdem Schritt um Schritt bekehrt. Gott sickerte durch ihn wie
das Wasser durch den Sand: einiges von ihm spülte Er weg, anderes tränkte
Er, bis der alte Mark im neuen Mark kaum mehr zu erkennen war. Im Lärm
und Staub des Flohmarktes er-kannte er, dass er verwandelt war. Als er heimkam
und mir das erzählte, stellte ich fest, dass diese leise Umwandlung auch
in mir geschehen ist.
Zum
Companion berufen
Mark und ich sind seit 1987 verheiratet. Wir sind beide katholisch aufgewachsen
und richteten unseren Haushalt in einem kleinen Haus im Schatten unserer Kirche
ein. Wir hatten Arbeit, die uns freute, ein Haus, ein Auto und ein Kind unterwegs.
Aber etwas fehlte uns. Was uns fehlte, erhielten wir eines Tages in einem Brief
unseres Pfarrers P. McCabe, CPPS. Er lud uns zu einem Treffen ein, wo die Gründung
einer neuen Gruppe unter dem Namen "Companions" geplant war. Die Mitglieder
sollten engere Beziehungen mit den Kostbar-Blut-Missionaren pflegen.
Das war 1990. Wer eine zehnjährige Umkehr erlebt hat, kann vielleicht nicht
genau sagen, wann es begonnen hat, aber für uns war es bei diesem Treffen.
Wir beschlossen, bei den Companions mitzumachen, auch wenn wir uns manchmal
wie Bergleute in einem dunklen Schacht vorkamen, die einem kleinen flackernden
Licht zum Ausgang folgten. Es hat nie zuvor Companions gegeben und niemand wusste,
wie ein Companion aussah oder was er zu tun hatte. Oft fühlten wir uns
frustriert und widerwillig, wenn wir uns fragten, ob diese neue Beziehung die
Anstrengung wert war. Unsere alte gegenseitige Beziehung half uns, und Gott
stand uns bei und führte uns heil durch manche Krise.
Ich glaube, Gott wächst in uns, wenn wir ihn bitten, uns beizustehen. Er
ist der grosse Beweger des Universums, der Meister im unermüdlichen Locken,
die Kraft, die beharrlich leise anklopft. Unter der Leitung von Br. Gabriel
Bridges, P. Denny Kinderman, Br. Jerry Hall, P. Ray Cera und anderer CPPS-Missionare
haben Mark und ich Fortschritte gemacht im Studium des Lebens des hl. Kaspar,
der Gemeinschaft und der Kostbar-Blut-Spiritualität. Langsam wurde es uns
zur zweiten Natur, das Leben im Licht des Blutes Christi zu sehen und auf die
Stürme und den Sonnenschein in unserem Leben im Geist des Blutes Christi
zu antworten.
Companions
und Mitglieder erfahren Wachstum in der Umkehr
Wir sind keine grosse Theologen. Ich kann nicht behaupten, dass uns unser betendes
Studium zu diesem neuen Leben geführt hat. Es war eher unsere Gemeinschaft
mit den Kostbar-Blut-Leuten, den Priestern, Brüdern und andern Companions,
die uns ganz leise zur Umkehr geführt hat. Wir sahen in vielen von ihnen
das Licht, nach dem wir gesucht hatten, um aus unserem Tunnel heraus zu kommen.
Wir wollten, dass dieses Licht in unseren eigenen Herzen leuchtet. Deswegen
schlossen wir uns ihnen enger an, um zu lernen, wie wir es anzünden konnten.
Wir rückten ihnen so nahe, dass die Kostbar-Blut-Missionare und ihre Dienstleistungen
ein Teil unseres Lebens wurden im wörtlichen und im übertragenen Sinn.
Die Lehren des hl. Kaspar und das Beispiel seines Lebens waren uns Licht und
Herausforderung zugleich. Wir pflegen weiter unsere Beziehungen zu den Mitgliedern
und den Companions ihrer Gemeinschaft und arbeiten auch für die CPPS, soweit
es uns unsere weltlichen Verpflichtungen erlauben. Mark ist neben seiner Berufsarbeit
Helfer des Leiters der Companions in der Cincinnati Provinz. Ich arbeite an
den CPPS-Publikationen.
Wir stellen fest, dass diese Beziehungen mit den Laien auch die Gemeinschaft
verwandelt haben. Diese musste weiter werden und sich öffnen. Companions
sind zu den Feiern der Gemeinschaft eingeladen. Sie sind Mitglieder der Kommissionen
der Gemeinschaft, reden mit beim Planen der Zukunft.
Umkehr
und Herausforderung
Ich würde gern sagen, dass unsere Umkehr unser Leben leichter, schmerzfrei
gemacht hat, aber das stimmt nicht. Ich glaube, dass wir in der ganzen Geschichte
feststellen können, dass eine Umkehr das Leben fast unvermeidlich schwerer
macht. Viele Heilige hat die Umkehr das Leben gekostet. Wer von uns das Glück
hatte, nicht wegen seines Glaubens umgebracht zu werden, begegnet anderen Schwierigkeiten
als Folge der Blut-Christi-Perspektive. Wir können uns z. B. nicht mehr
freuen an einem berechtigten Groll. Wir müssen die Versöhnung suchen,
manchmal sogar, indem wir Verwandten vergeben. Das ist sehr anspruchsvoll. Es
verlangt von uns, dass wir angesichts der Ungerechtigkeit nicht die Augen schliessen,
uns nicht taub stellen für den Schrei der Armen. Das ist sehr ungemütlich!
Es war wesentlich leichter, grosse Anschaffungen zu machen, ohne das leise Unbehagen
wegen der Ungerechtigkeit zu spüren. Gott, der grosse Rufende, hört
nicht auf, uns zu locken, nachdem Er einmal Erfolg gehabt hatte.
Ich würde gern sagen, dass es uns einen dauernden Frieden gebracht hat,
aber den gibt es nicht auf dieser Welt, weder für die neu geborenen Christen
noch für die andern. Ich sehne mich immer noch nach dem Rezept für
wirksame Paxil-Pillen. Die Umkehr geht weiter. Eines aber haben wir begriffen:
Wenn wir im Geiste des Blutes Christi denken, können wir den Weg im Geist
des Blutes Christi gehen. Wenn die Arbeit der Versöhnung getan ist, wird
sie mit tiefem Frieden belohnt.
Wir freuen uns über dieses grosse Geschenk, das wir bekamen; für dieses
neue Leben, das so stufenweise das alte Leben verdrängt hat. Wir haben
jetzt vier Kinder, die von der Blut-Christi-Familie liebevoll umfangen sind.
Sie wachsen unter diesen Blut-Christi-Leuten auf. Mit unseren neuen Augen sehen
wir, dass es keinen besseren Ort gibt, wo Kinder und Erwachsene Gott entgegenwachsen
können.
In andern Kulturen leben
Giuseppe Montenegro, CPPS
Die Herausforderung des Lebens in anderen Kulturen
Ich werde nicht müde, Gott zu danken für die Gelegenheit, mein Leben mit Menschen der afrikanischen und indischen Kulturen zu teilen. Das war eine besondere Gnade, ein Abenteuer und eine Herausforderung. Wie viel habe ich von meinen Brüdern und Schwestern in diesen verschiedenen Kulturen gelernt! Wenn ich es mit wenigen Worten sagen soll, wäre es Folgendes: eine grosse Liebe und tiefe Achtung für sie alle. Ich liebe diese Menschen, ihre Lebensweise, ihre vielen Farben, ihre Arbeitsweise. Einiges davon möchte ich in diesem Artikel mit euch teilen.
Die
Demut zu lernen
Wenn wir mit andern Kulturen in Berührung kommen, müssen wir lernen,
nicht nach unseren Massstäben zu urteilen. In neuen Situationen versuche
ich, schweigend zu betrachten inmitten der Menschen, zu denen ich gesandt bin.
Ich möchte die tiefe Bedeutung jeder Geste lernen.
In Tansania in Ostafrika musste ich das 1966 zum erstenmal tun. Es wurde mir
klar, dass ich ein Hörender sein musste. Ich musste wie ein kleines Kind
von den Leuten lernen. Ich musste lernen, die einfachen Dinge zu schätzen.
Wir neigen dazu, unsere neuen Erfahrungen mit einem Volk mit der Kultur zu vergleichen,
aus der wir kommen. Das kann zu vielen Missverständnissen führen.
Das Beste ist, demütig zu schauen, was in der anderen Kultur gut ist, und
nach dem tiefer liegenden Sinn zu fragen.
An meinem ersten Tag in Tansania begegnete ich auf der Strasse von Dar es Salaam
einem Aussätzigen. Ich hatte noch nie einen Aussätzigen gesehen. Als
ich seine zerlumpte Kleidung sah und seine Hände ohne Finger, regte sich
in mir ein Abscheu. Ich musste mich sehr gegen dieses Gefühl wehren, um
den Mann anders zu sehen: Dieser Aussätzige gehört zu meiner Familie,
er ist mein Bruder... Nach kurzer Zeit spürte ich Liebe zu ihm und wollte
ihn umarmen. Ich berührte seine fingerlosen Hände und gab ihm eine
kleine Spende. Diese Erfahrung verwandelte mein Denken über die Menschen,
unter denen ich lebte. Sie erfüllte mich mit Liebe und Achtung. Ich begann
zu begreifen, dass die Unterschiede unter den Menschen die Schönheit unserer
Welt ausmachen.
Sich
den Traditionen anpassen
Einmal bat man mich, mit einer Familie aus dem gleichen Glas ein Alkohol-Getränk
zu trinken. Das ist etwas ganz Wichtiges, wenn Familien das Leben oder den Tod
feiern. Das Getränk war aus gegorenem Getreide oder Mais gemacht, gesüsst
mit Zucker oder Honig. Alle trinken aus dem gleichen Glas als Zeichen der Freundschaft
oder der Zugehörigkeit zur gleichen Familie. Mich kostete es eine grosse
Überwindung, meine Lippen an den Rand des gleichen Glases zu bringen, das
schon andere Lippen berührt haben. In meiner Kultur trinkt jeder aus dem
eigenen Glas. Aber ich hob das Glas an meine Lippen wie alle anderen auch.
In Tansania sind die Ältesten das oberste Gericht der Versöhnung.
Ich erinnere mich an einen Fall, wo ein junger Mann eine Ziege gestohlen hat.
Die Dorfbewohner verfolgten die Spuren der Ziege bis zum Haus des jungen Mannes.
Er leugnete, die Ziege gestohlen zu haben. So führten ihn die Leute vor
das Gericht der Alten. Der junge Mann behauptete, die Ziege sei ihm freiwillig
zu seinem Haus gefolgt. Das überzeugte die Alten nicht, aber sie mühten
sich geduldig vom Morgen bis zum Abend, ihn zum Bekenntnis zu bewegen. Beim
Sonnenuntergang, nachdem alle seine Versuche, sich herauszureden, fehlgeschlagen
hatten, gab er zu, was er getan hat.
Die auferlegte Strafe waren zwei Ziegen. Eine bekam der Eigentümer zurück,
die zweite wurde geschlachtet und zusammen mit den Ältesten und den Vertretern
des Dorfes gegessen. Das Gericht lehrte das ganze Dorf die Bedeutung von Ehrlichkeit
und Achtung. Nicht nur die Ehre des Diebes war wieder hergestellt, sondern er
wurde zwei Jahre später zum Gemeindeleiter gewählt! Die Menschlichkeit
des Gerichtsverfahrens der Alten erreichte mehr, als es je eine Gefängnisstrafe
hätte können.
Vorurteile
und Rassismus überwinden
Eines Abends sassen wir in Tansania um das Feuer, und die Leute stellten Fragen
über das Leben und die Religion. Ein junger Mann fragte: "Warum hat
Gott die einen Menschen schwarz und die andern weiss erschaffen? Stimmt es,
dass die Schwarzen von Noachs Sohn abstammen, den der Vater verflucht hat?"
Ich versuchte eine einfache Antwort zu geben, indem ich erklärte, dass
wir alle trotz verschiedener Hautfarbe gleichwertig sind. Sie waren nicht überzeugt.
Wenn wir in Afrika Reinheit erklären wollen, sagen wir nicht : "Weiss
wie Schnee", weil niemand den Schnee kennt. Wir sagen "weiss wie Milch".
Zum Glück waren Kühe in der Nähe. Ich fragte: "Geben weisse
Kühe weisse Milch und die schwarzen schwarze Milch?" Alle lachten
und riefen: "Nein, nein, die Milch ist immer weiss". Dann sagte ich,
dass alle Kühe gleich sind, weil sie die gleiche Milch geben. So sind auch
sie und ich gleich, weil unsere Seelen gleich Gutes tun. Gott schuf verschiedene
Farben, damit die Schöpfung schön sei. An dem Abend waren für
mich die Kühe eine wirksamere Hilfe als alle theologischen Begründungen.
Diese Geschichte wurde schnell von Dorf zu Dorf weiter erzählt.
Das
Leben des Glaubens
Gottesfurcht wohnt im Herzen jedes Menschen. In Indien ist in jedem Haus in
der Mitte des Gebäudes ein sehr wichtiger Ort der Gottheit geweiht. Es
ist ein kleines Heiligtum, wo jeden Morgen und jeden Abend alle Familienmitglieder
Gott durch "puja" verehren. Sie beten zu Gott und halten Fürbitte.
Alle, ob jung oder alt, sogar Kinder bringen Weihrauch, Feuer und Blumen, Kokosnüsse
und Süssigkeiten. Nach dem Gebet nehmen sie etwas von den Opfergaben mit
als Zeichen des Teilens mit der Gottheit.
Die Autofahrer und Taxichauffeure verrichten öffentlich ihr Morgengebet.
Sie opfern Weihrauch und Blumen (meist eine kleine Jasmin-Girlande), die sie
auf das Schaltbrett legen. Erst nach dieser "puja" beginnt die Fahrt.
Wichtige Ereignisse im Leben werden in der Familie gefeiert. Ein Priester oder
ein Betagter der Familie leitet das Ritual. Geburt eines Kindes, der erste Zahn,
der erste Haarschnitt; Geschlechtsreife, Vermählung, Tod - alles ist umrahmt
von Gebet, Weihrauch, Blumen und Esswaren.
Ich bewundere alle Kulturen, mit denen ich in Berührung gekommen bin. Ich
habe von jeder Kultur viel gelernt. Jeder Mensch in der Welt ist ein wunderbares
Ebenbild Gottes in seiner Schönheit, seiner Farbe, Sprache und Tradition;
wie sie ihre Beziehung zu Gott pflegen, lieben, teilen und einander umsorgen.
Im Psalm 8 beten wir ja, dass die Menschen nur ein wenig unter Gott gestellt
sind. Das entdecken wir, wenn wir Achtung haben und Dialog pflegen.
Änderung
der Strukturen als Frucht der Umkehr
Luis
Briones, C.PP.S.
Wandel in der Denkweise, im Verhalten und in den Strukturen
Es ist klar, dass Technik und Wissenschaft in der letzten Zeit grosse Fortschritte erzielt haben auf dem Gebiet der Kommunikation und Information. Es besteht auch kein Zweifel, dass dieser Fortschritt, die Lebensqualität wenigstens auf der materiellen Ebene verbessert hat. Trotzdem gibt es weiter Armut und menschenunwürdige Verhältnisse, ja sie nehmen sogar zu. Die Armen werden immer ärmer; Männer wie Frauen werden immer mehr als Objekte, als Sache, und weniger als Menschen behandelt. Sie erleben sich als Werkzeuge, nicht als Personen. Individualismus, Konsumdenken, Genuss- und Vergnügungssucht, ein unverhülltes Wettrennen nach Erfolg und Gewinn sind einige der beherrschenden Werte im Leben vieler. Zum Teil prägen sie das Leben aller. Der Papst beklagte diese Situation in seiner Eröffnungsansprache zur Vierten Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenzen in Santo Domingo mit sehr harten Worten. Er sagte:
"Die Welt kann nicht gelassen und zufrieden sein angesichts der chaotischen und beunruhigenden Lage in unserer Welt: ganze Nationen, Teile der Bevölkerung, Familien und einzelne Personen werden immer reicher, haben mehr Privilegien, während andere Völker, Familien und viele einzelne Personen im Elend versinken. Sie sind Opfer des Hungers und der Krankheit, haben keine menschenwürdige Wohnung, keine Gesundheitspflege, keinen Zugang zur Bildung. Das alles sind klare Beweise für eine echte Unordnung und in Strukturen verankerte Ungerechtigkeit. Manchmal wird das noch verstärkt durch verspätetes Ergreifen der nötigen Massnahmen, durch Nachlässigkeit und Mangel an Klugheit oder gar durch Verletzung ethischer Grundsätze auf der Ebene der Verwaltung, wie im Fall der Korruption. All das ruft nach Umdenken, Änderung des Verhaltens und der Strukturen'. Nur so kann der Abgrund zwischen den reichen und armen Nationen (vgl. Laborem Exercens, 16; Cent. Annus, 14) überbrückt werden. Nur so werden die Riesenunterschiede zwischen den Bürgern des gleichen Staates überwunden. Kurz, das neue Ideal der Solidarität muss Oberhand gewinnen über den überholten Willen zu herrschen" (Nr. 15).
Aber wie können wir einen Wandel im Denken, Verhalten und in den Strukturen erreichen, angesichts dieses wirklichen Chaos und der institutionalisierten Ungerechtigkeit? Der hl. Paulus sah in seiner Zeit die tiefen Spaltungen in der Gesellschaft, in der er lebte. Er sprach seinen christlichen Gemeinden Mut zu, beriet und stärkte sie mit den Worten: "Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen. Denn Er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile (Juden und Heiden) und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er hob das Gesetz samt seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib" (Eph 2,13-16).
Der Papst tut heute das Gleiche, was Paulus damals getan hat. Er gibt Rat, spricht Mut zu und stärkt die christlichen Gemeinschaften, wenn er in Bezug auf die menschliche Entfaltung sagt, es sei unsere Aufgabe, "...alle Bereiche der Gesellschaft zu verwandeln, indem wir die Wahrheit Christi über die Würde des Menschen immer tiefer in sie hineintragen" (Nr. 5). Später betont er, dass "die Sorge für die soziale Dimension Teil der Sendung der Kirche ist, das Evangelium zu verkünden"(Solicitudo rei socialis Nr. 41). Sie bilde auch "einen wesentlichen Teil der christlichen Botschaft, da diese Lehre auf die unmittelbaren Folgen dieser Botschaft im Leben der Gesellschaft hinweist. Sie wirft Licht auf die Arbeit im Alltag und auf das Ringen um die Gerechtigkeit durch das Zeugnis für Christus, den Retter." (Centesimus annus, 5). (Nr. 13). Das Problem der menschlichen Entfaltung darf nicht nur am Rande der Beziehung des Menschen mit Gott gesehen werden (vgl. Nr. 43 und 45). Eine echte Entfaltung des Menschen als im Widerspruch zu Gottes Plan zu deuten, ist eine schwerwiegende Verfälschung durch eine gewisse Denkweise des Säkularismus. Eine echte Entfaltung des Menschen muss immer die Wahrheit in bezug auf Gott und die Wahrheit in bezug auf den Menschen, die Rechte Gottes und die Rechte des Menschen achten".
Wie Paulus damals, fragt der Papst heute, und er fragt auch uns Männer und Frauen die glauben. Wie können wir das Böse mit der Wurzel ausreissen, das den Menschen versklavt? Die gleiche Frage richtete sich an die Kirche auch zur Zeit des hl. Kaspar angesichts der Briganten. Es gibt nur eine Antwort darauf: Der Einzige, der uns von diesem Übel befreien kann, ist Christus... Schauen wir auf Ihn mit dem wachen Gedanken an die Gnadenstunde, wo Christus sich uns ein für alle Male geschenkt hat. Die schmerzliche Situation vieler unserer Brüder und Schwestern in Lateinamerika führt uns nicht in die Verzweiflung. Im Gegenteil, sie ist ein dringender Anruf an die Kirche. "Deswegen rufe ich dir ins Gedächtnis", schrieb Paulus an Timotheus, " Entfache die Gnade Gottes wieder, die dir durch die Auflegung meiner Hände zuteil geworden ist" (2 Tim, 1,6; Nr. 19).
Die Möglichkeit der Umkehr
Wie und/oder wo haben wir strukturelle Veränderungen als Folge der Umkehr jener, die wesentlich dazu gehört haben, erlebt als Frucht der Verkündigung der Frohen Botschaft Jesu Christi, des lebendigen Wortes Gottes, und als Folge der Macht seines Blutes, das Er für uns vergossen hat? Ich finde, dass es schwierig ist, darauf zu antworten vor allem für jene, die an Orten und zu der geschichtlichen Stunde leben, wo alles so verworren und schmerzvoll ist. Es hat ja den Anschein, als ob die Mächte des Bösen ihr Gesetz hier aufgerichtet hätten. Trotzdem zweifle ich nicht, das jeder und jede ihre eigenen Erfahrungen macht und die Antwort erhält entsprechend der Aufgabe, die ihnen der Herr in ihrer Sendung anvertraut hat.
Mir hat Gott in seiner Güte die Erfahrung und das Empfinden dafür geschenkt, langsam und fast unmerklich, wie viele Gleichnisse Jesu von der unsichtbaren Gegenwart des Reiches Gottes unter uns erzählen (Mt 13,24-33; Lk 13, 18-21;). Das geschah tatsächlich an verschiedenen Orten: kleine christliche Gemeinschaften in der Stadt und auf dem Land; Bildungstage, vor allem zum Studium der Bibel; Sommerlager für Kinder und Jugendliche; im Kolleg St. Kaspar usw. Meine Sendung hat sich an diesen Orten entfaltet. Mir kommen die Worte Jesu in den Sinn, mit denen er einst den Jüngern antwortete, die Johannes zu ihm geschickt hatte: "Geht und sagt Johannes, was ihr gehört und gesehen habt: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und den Armen wird das Evangelium verkündet. Und selig, wer keinen Anstoss an mir nimmt" (Mt 11,4-6). Diese Veränderungen sind ein sprechendes Zeichen einer inneren Befreiung, die heute in konkreten Diensten ihren Ausdruck findet, in Solidarität und in ständigem Einsatz für das allgemeine Wohl.
Als Frucht der Gnaden im Jubeljahr hat die Kirche als soziale Struktur in der allerletzten Zeit ehrlich ihre Geschichte anschauen können und hat dabei festgestellt, dass sie ihre Erinnerung reinigen muss, indem sie um Vergebung bittet. Dieser mutige und demütige Schritt greift immer ans Herz. Er beweist einen tiefen Wunsch nach einer neuen Menschlichkeit, wie Paulus es so treffend ausdrückt. Es ist meiner Ansicht nach ein Zeichen, dass wir unterwegs sind zur Umkehr. Wir hoffen, dass dieser Wunsch mit Hilfe der Gnade Gottes sobald als möglich sein Ziel erreicht und dass sich viele andere Strukturen davon anstecken lassen und sich wandeln.
"Ferne"
und "ausserhalb des Lagers"
Jerry Stack. CPPS
Als ich im September
2000 begann, diesen Artikel zu schreiben, dachte ich über das Evangelium
des kommenden Sonntags nach. Die Jünger haben gestritten, wer von ihnen
der Grösste sei. Anschliessend berichtet Markus: "...Jesus stellte
ein Kind in ihre Mitte, nahm es in die Arme und sagte: Wer ein solches Kind
in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht
mich auf, sondern den, der mich gesandt hat" (Mk 9,36-37).
Diese Stelle sagt genau, was die Blut-Christi-Spiritualität heute für
mich bedeutet. Ein Kind aufnehmen bedeutete zur Zeit Jesu jemand aufnehmen,
der machtlos, schwach, verletzlich, war, der auf der untersten Stufe der gesellschaftlichen
Leiter sass.
Jesus identifizierte sich mit den Schwachen und Machtlosen dieser Welt. Sein
Blutvergiessen im Leiden und Sterben bleibt ein starkes, klares, sichtbares
Zeichen seiner Liebe für alle Ausgegrenzten, an den Rand Gedrückten,
die unsere Gesellschaft gern vergisst. Indem Jesus das verletzliche und wehrlose
Kind umarmte, deutete er gleichsam im voraus hin auf seine Umarmung aller Schwachen
und Verwundeten am Kreuz.
Eine
Umkehr in der Spiritualität
Vor 40 Jahren begann ich ebenfalls im September mein Studium in der Mittelschule
bei den Kostbar-Blut-Missionaren. Ich wurde in eine andersartige Spiritualität
des Blutes eingeführt. Wir sprachen bestimmte Gebete, sangen begeisterte
Kostbar-Blut-Lieder und beteten sogar den Kostbar-Blut-Rosenkranz (manchmal
während der Eucharistiefeier). Ich hatte das Gefühl, dass ich in eine
wirklich vornehme Gemeinschaft eingeführt wurde. Diese Spiritualität
konzentrierte sich eher auf den einzelnen und auf seine Christusbeziehung. Im
Mittelpunkt stand ein bestimmter Gesichtspunkt des Geheimnisses des Blutes,
und zwar Reue über die persönliche Sünde und deren Vergebung.
Geläufige Themen dieser Spiritualität waren Gericht, Tilgung der Sünde,
Heilung von Wunden, Blut des Lebens.
Mehr als zehn Jahre später, als ich meine Studien beendet hatte, schien
mir diese Spiritualität unvollständig. Eine der Ursachen davon war
einfach der Widerstand, die zeit- und kulturbedingten Wörter und Bilder
aufzugeben, um das Geheimnis des Blutes neu zu sehen. Ich begann, Erlösung
und Rettung nicht nur auf persönlicher, individueller Ebene zu sehen, sondern
deren Auswirkung auf die Gesellschaft und auf den Dienst.
Sünde ist nicht nur eine individuelle und persönliche Angelegenheit.
Sie kann Teil der gesamten Gesellschaftsordnung sein. Sünde greift um sich,
wo die Würde der Person verletzt, ihre Bedürfnisse nicht wahrgenommen
und nicht befriedigt werden. Diese Personen sind tatsächlich an den Rand
der Gesellschaft verbannt. Wo Menschen sich als "Ferne", Ausgegrenzte,
erleben (Eph 2,13) "ausserhalb des Lagers" (Hebr 13,13), dort ist
Sünde.
Es ist nicht die Sünde der Ausgegrenzten, sondern die Sünde der anderen
Familienmitglieder, des Stammes, der Gemeinschaft, der Kultur, der politischen
Ordnung, die in ihnen nicht die Kinder Gottes und Brüder und Schwestern
Jesu Christi erkennen.
Ein
Dienst der Ohnmacht
Im Laufe der Jahre erkannte ich, wie machtvoll das Zeichen des Blutes Christi
ist. Es ist gleichsam ein Modell für den Dienst, eine Vision, was der Dienst
sein könnte und sollte. Jesus begann nicht erst auf dem Ölberg sein
Blut zu vergiessen, sondern schon viel früher, als Er sich an die Seite
der Abgelehnten, Machtlosen stellte, die man für Sünder hielt. Sie
waren den Mächtigen von damals im Weg, unerwünscht. Wer es wagte,
mit diesen Schwachen und Verwundeten, Verachteten und Ausgestossenen Gemeinschaft
zu pflegen, war in Gefahr, moralisch und manchmal sogar wörtlich, sein
Blut zu vergiessen.
In meinem Dienst als Seelsorger in einer psychiatrischen Klinik während
der letzten 18 Jahre wurde die Spiritualität des Blutes Christi immer wichtiger.
In der Kultur der Vereinigten Staaten sind Geisteskranke "Ferne".
Weil sie nicht verstanden werden, sind sie gestempelt und "ausserhalb des
Lagers" "entsorgt". Unsere Gesellschaft deckt oft nicht einmal
ihre Grundbedürfnisse ab. Sie sind verletzlich, machtlos und geniessen
wenig Ansehen. Im Laufe der Jahre haben sie mich gelehrt, sie haben mich "evangelisiert",
was es bedeutet, ausgegrenzt zu sein.
Die Geisteskranken sind natürlich nur eine Gruppe von den "Fernen",
Ausgegrenzten. Die Armen, Kranken, Betagten, Einwanderer, rassische und kulturelle
Minderheiten erleben sich alle als "Aussenseiter", "ausserhalb
des Lagers".
Versöhnung
tut Not.
Wer mit den "Fernen" arbeitet, muss sich versöhnen. Versöhnung
ist eines der grossen Themen der Blut-Christi-Spiritualität, erinnert uns
P. Robert Schreiter in seinen beiden Büchern, die davon handeln. Wer sich
auf die Seite der Ausgegrenzten stellt, ist berufen, sich auch für die
Versöhnung stark zu machen.
Die Geisteskranken müssen sich zum Beispiel mit einer Krankheit versöhnen,
der sie zum Opfer gefallen sind. Sie erfuhren eine Art Gewalt, weil die Krankheit
sie in eine sehr schmerzliche Lage versetzt hat und manchmal ihre persönliche
Identität in Frage stellt.
Oft müssen sie sich mit Freunden und Verwandten versöhnen, die sie
ausgegrenzt haben. Sie brauchen eine Versöhnung mit der Gesellschaft, die
sie vernachlässigt. Auch eine Versöhnung mit Gott kann nötig
sein, weil die geisteskranke Person denkt, dass Gott sie strafe. Es kommt vor,
dass Geisteskranke Gott zürnen, weil sie glauben, Er habe die Krankheit
verursacht.
Die Spiritualität des Blutes Christi erinnert uns an das Geheimnis menschlichen
Leidens und an die verschiedenen Formen der Gewalt und Ausgrenzung, die dieses
Leiden mehren. Die Blutvergiessung Jesu und sein Kreuzestod sind für uns
Schrecken erregendes, geheimnisvolles Tun Gottes. Es ist für uns unfassbar,
dass Jesus das menschliche Leiden und die Ausgrenzung wählt und sich gleichsam
darin versenkt.
Eine
Spiritualität der Zugehörigkeit und Versöhnung
Im Laufe der Jahre wurde die Spiritualität des Blutes Christi für
mich eine Spiritualität, die alle umschiesst und versöhnt. Jesus hat
sein Blut vergossen nicht nur, um einzelne Sünder zu trösten, sondern
Er fordert uns auf und befähigt uns, zu jenen zu stehen, die wie das kleine
Kind im Evangelium schwach und wehrlos sind, verletzlich und an den Rand geschoben.
"Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus,
nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen". Diese Worte aus
dem Epheserbrief erinnern uns, was Christus getan hat und weiter tut durch den
Dienst jener, die auf den Ruf seines Blutes in der heutigen Welt antworten.